Gesundheitsverhalten und Gesundheitseinschätzungen von Kindern und Jugendlichen

Beim Blick auf die Defizite dürfen aber die gesundheitsförderlichen Verhaltensweisen der Kinder und Jugendlichen nicht unberücksichtigt bleiben. Wie die epidemiologischen Untersuchungen nämlich auch zeigen, verhält sich ein grosser Teil der 11-15-jährigen Schülerinnen und Schüler heute schon gesundheitsbewusst:
Sie treiben regelmässig und durchaus häufig Sport, ernähren sich ausgewogen, schauen verhalten TV und Video oder spielen in Maßen am Computer, verbringen die Freizeit aktiv und / oder sportlich und haben mehrere Freunde und Freundschaften (1).

Bedeutsam ist auch der Anteil derjenigen 11- bis 15jährigen, die angeben, noch nie geraucht (ca. 40-50 Prozent) oder Alkohol getrunken zu haben (ca. 18 Prozent).

In Selbstauskünften über ihrem Gesundheitszustand zeichnen Kinder und Jugendliche im Übrigen auch ein optimistisches Bild. In einer repräsentativen Befragung in Deutschland schätzten z.B. 94 Prozent von 3000 11-15-jährigen Befragten ihren Gesundheitszustand entweder als "sehr gut" (38 Prozent) oder "ziemlich gesund" (56 Prozent) ein. Die restlichen 6% gaben an "nicht sehr gesund" zu sein (2). Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Untersuchung der Hamburg-Mannheimer-Stiftung für Informationsmedizin (1989), danach fühlen sich 85 Prozent der 14-19-jährigen Jugendlichen sehr gesund. In einer Untersuchung von Eckerle & Kraak (1993) sind immerhin auch 62,2 Prozent der befragten Schüler 9. Klassen, mit einem Durchschnitt von 14,8 Jahre, überwiegend bis sehr zufrieden mit ihrer Gesundheit.

Während die Kinder und Jugendliche sich selbst also als überwiegend gesund beschreiben, entlarvt die gesundheitswissenschaftliche Forschung diese Selbsteinschätzung. Kindheit und Jugend ist danach nicht mehr in eins mit Gesundheit zu setzen, wie es bislang üblich war.

 Was ist eigentlich die Jugend ? (3)

    Was ist eigentlich die Jugend?
    Doch im Grunde nichts Anderes,
    als das noch gesunde und unzerknitterte,
    vom kleinlichen Treiben der Welt
    noch unberührte Gefühl
    der ursprünglichen Freiheit..

Wichtige salutogene Faktoren im Leben von Kindern und Jugendlichen

 

Neben den angeführten gesundheitsförderlichen Verhaltensweisen, lassen sich noch andere personale und situative Gesundheitsressourcen im Leben von Kindern und Jugendlichen benennen. Solche Ressourcen sind, wie schon erwähnt, Merkmale, die der Gesundheit der betreffenden Person förderlich sind.

Bei den personalen Ressourcen, den sog. Schutz- bzw. Protektivfaktoren werden vor allem immer die folgenden genannt (4):

  • Hohes Selbstwertgefühl: Die eigene Person akzeptieren und achten, sich selbst als wertvoll erleben.
  • Aktive Problemlösefähigkeit: Bei Schwierigkeiten sich selbst zu helfen wissen oder z.B. andere Personen um Hilfe oder um Rat bitten
  • Hohe Selbstwirksamkeit: Sich zutrauen, das in einer Situation geforderte Verhalten ausführen zu können.
  • Ausgeprägtes Kohärenzgefühl: Nach Antonovsky (5) ein Konzept, in das die Faktoren, Vorhersehbarkeit, Machbarkeit und Sinnhaftigkeit eingehen. Danach bleiben Menschen gesund,
    • wenn die Anforderungen und Zumutungen, mit denen sie konfrontiert werden, für sie vorhersehbar und begreifbar sind (Vorhersehbarkeit),
    • die Möglichkeiten der Einflussnahme auf Entwicklungen und Ereignisse gegeben sind (Machbarkeit) und
    • wenn die Möglichkeit besteht, unter diesen Bedingungen individuelle oder kollektive Ziele anzustreben und zu erreichen (Sinnhaftigkeit).
  • Vertrauen in die eigene Belastbarkeit: Sich zutrauen, Lebensschwierigkeiten und Belastungen widerstehen zu können. Nach Kobasa (6) beinhaltet diese Widerstandsfähigkeit
    • das Gefühl der Kontrolle über die Geschehnisse im Leben,
    • ein starkes emotionales Engagement in verschiedenen Lebensbereichen und im Kontakt mit anderen Personen und
    • das Gefühl, Veränderungen im Leben primär nicht als Bedrohung, sondern als Herausforderung zu erleben.

Die situativen Ressourcen, beziehen sich auf die jeweiligen Bereiche ("Settings") der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen. Wichtige Settings sind neben der Schule, die Familie und der Freizeitbereich.

 

 

Für jedes dieser Settings lassen sich spezifische Protektivfaktoren benennen. Es gibt aber auch übergreifende gemeinsame Schutzfaktoren.

Ein wichtiger grundlegender Schutzfaktor ist schon implizit in der Abbildung mit angesprochen: die Einbindung in soziale Beziehungsgefüge. Die Erkenntnis, dass emotionale Anteilnahme, materielle und tatkräftige Unterstützung, sowie Unterstützung durch die Übermittlung wichtiger Informationen zu den wichtigsten Schutzfaktoren der Gesundheit zählen, ist mittlerweile unbestritten (7). Umgekehrt gilt, dass Einsamkeit (nicht aber das Alleinsein) ein Risikofaktor ist. Dies hat Eder (8) in einer Untersuchung österreichischer Jugendlicher eindrucksvoll nachweisen können.

Weitere wichtige Schutzfaktoren sind dann gegeben, wenn Kinder (und Jugendliche) die Möglichkeit erhalten, in ihren sozialen Beziehungen ihre elementaren Bedürfnisse zu befriedigen. Schmidtchen (9) hat in Anlehnung an die Bedürfnistheorie von Abraham Maslow folgende basale Bedürfnisse von Kindern und mit ihren jeweiligen Befriedigungsformen benannt.

Bedürfnisse von Kindern

Befriedigung als protektiver Faktor der Gesundheit von Kindern (10)

  • Die Befriedigung physiologischer Bedürfnisse. Hierunter ist die Gewährleistung einer angemessenen Ernährung des Kindes ebenso zu verstehen, wie eine sorgfältige Hygiene, ein Schlaf - Wach - Rhythmus und insgesamt eine sensible Beachtung der Körpersignale von Kindern.
  • Befriedigung von Schutzbedürfnissen. Hierunter wird der Schutz vor körperlichen und seelischen Krankheiten, Natureinwirkungen, Gefahren im Strassenverkehr und Risiken durch schädigende Umwelteinflüsse verstanden.
  • Befriedigung der Bedürfnisse nach einfühlendem Verständnis und sozialer Bindung. Sowohl aus der Kleinkindforschung wie auch aus der Kindertherapieforschung ist bekannt, wie wichtig das seelische Einfühlungsvermögen und die Empathie von Bezugspersonen sind. Sie sind geradezu eine Voraussetzung dafür, dass ein entwicklungsfördernder Dialog zwischen einem Kind und einer anderen Person eintreten kann. Wird das kindliche Bedürfnis nach Einfühlung und sicherer Bindung nicht befriedigt, so sind Bindungsangst, Misstrauen, mangelndes Selbstwertgefühl und Hemmungen die Folge.
  • Befriedigung der Bedürfnisse nach seelischer und körperlicher Wertschätzung. Jeder junge Mensch hat Sehnsucht, um seiner selbst willen geliebt zu werden. Diese Liebe muss sowohl seelisch als auch körperlich erlebt werden. Da kleine Kinder zwischen seelischen und körperlichen Aspekten noch nicht trennen, ist die liebevolle Begegnung mit dem Körper des Kindes von zentraler Bedeutung für die frühe Entwicklung des Selbstwertgefühls.
  • Befriedigung der Bedürfnisse nach Anregung, Spiel und Leistung. Die Kleinkindforschung macht deutlich, wie wichtig für junge Menschen vielfältige Anregungen aus der Aussenwelt sind. Diese Anregungen müssen sich an den Fähigkeiten und Fertigkeiten orientieren, die in der jeweiligen Altersstufe entwickelt sind. Von grosser Bedeutung ist dabei die Fähigkeit zur motorischen Reaktion und zum Neugier- und Spielverhalten. Ein weiteres Ziel ist die Unterstützung des Leistungswillens und des Leistungsverhaltens.
  • Befriedigung der Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung und nach Bewältigung existenzieller Lebensängste. Jedes Kind muss in dem Bemühen unterstützt werden, ein eigenes Selbstkonzept aufzubauen, indem Bedürfnisse, Eigenschaften, Fertigkeiten, Bewertungen und Gefühle in eine Identität integriert werden. Die Konfrontation junger Menschen mit existenziellen menschlichen Erfahrungen wie dem Tod, dem Alleinsein, der Frage nach dem Sinn des Lebens, der Ohnmacht gegen Bedrohung des Lebens durch Krankheit, Krieg oder Gewalt, der Konfrontation mit der Möglichkeit von Ungerechtigkeit und Absurdität, hat in den letzten Jahren zugenommen. Ängste des Kindes müssen wahrgenommen und akzeptiert werden. Erwachsene müssen Trost und Bereitschaft zum Mit-Erleiden von Gefühlen der Trauer und der Ohnmacht spenden (11).


Ulrich Barkholz, Georg Israel, Peter Paulus, Norbert Posse: Gesundheitsförderung in der Schule. - Ein Handbuch für Lehrerinnen und Lehrer. Landesinstitut für Schule und Weiterbildung, Soest 1997.