Beratung von Eltern als gemeinsame Aufgabe

Dr. Rainer Strätz
SPI, Fachhochschule Köln

Weder für den Kindergarten noch für die Grundschule ist die enge Zusammenarbeit mit den Eltern ins Belieben einer Einrichtung gestellt. Sie ist eine Pflichtaufgabe, wie die folgenden Zitate zeigen sollen: "Die Bildungs- und Erziehungsarbeit der Schule muss hinsichtlich ihrer Zielsetzung und ihrer pädagogischen Maßnahmen auf die der Familie und des Kindergartens Rücksicht nehmen. Dazu bedarf es der engen Zusammenarbeit der Lehrer sowie der Leiter der Schulkindergärten mit den Eltern und den Erziehern der Kindergärten ". (Richtlinien Grundschule) "Das Schulprogramm spiegelt die pädagogische Grundorientierung des Kollegiums wieder und ist zugleich Ausdruck der gemeinsamen Verantwortung aller Lehrerinnen und Lehrer und der Eltern für ihre Schule." (ebd.) "(1) Der Kindergarten ist eine sozialpädagogische Einrichtung und hat neben der Betreuungsaufgabe einen eigenständigen Erziehungs- und Bildungsauftrag als Elementarbereich des Bildungssystems. Die Förderung der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes und die Beratung und die Information der Erziehungsberechtigten sind von wesentlicher Bedeutung; der Kindergarten ergänzt und unterstützt dadurch die Erziehung des Kindes in der Familie. (2) Der Kindergarten hat seinen Erziehungs- und Bildungsauftrag im ständigen Kontakt mit der Familie und anderen Erziehungsberechtigten durchzuführen und insbesondere

  • die Lebenssituation jedes Kindes zu berücksichtigen,
  • dem Kind zur größtmöglichen Selbständigkeit und Eigenaktivität zu verhelfen, seine Lernfreude anzuregen und zu stärken,
  • dem Kind zu ermöglichen, seine emotionalen Kräfte aufzubauen,
  • die schöpferischen Kräfte des Kindes unter Berücksichtigung seiner individuellen Neigungen und Begabungen zu fördern,
  • dem Kind Grundwissen über seinen Körper zu vermitteln und seine körperliche Entwicklung zu fördern,
  • die Entfaltung der geistigen Fähigkeiten und der Interessen des Kindes zu unterstützen und ihm dabei durch ein breites Angebot von Erfahrungsmöglichkeiten elementare Kenntnisse von der Umwelt zu vermitteln.“ (Gesetz über Tageseinrichtungen für Kinder –GTK,§2)

Im ersten Zitat aus den „Richtlinien Grundschule“ ist zugleich die Pflicht der Zusammenarbeit von Grundschulen mit den Kindergärten angesprochen. Im Schulverwaltungsgesetz heißt es außerdem: §5b Kooperation mit der Jugendhilfe und anderen Einrichtungen der Bildung, Erziehung und Förderung

(1)Die Schulen sollen mit Trägern der öffentlichen und freien Jugendhilfe um mit anderen Einrichtungen, die Bildung und Erziehung fördern, zusammenarbeiten. Grundalge für die Zusammenarbeit ist die gemeinsame Verantwortung für die Belange von Kindern, Jugendlichen und jungen Volljährigen, soweit sie schulpflichtig sind oder über ihre Schulpflicht hinaus eine Schule besuchen.

(2) Die Zusammenarbeit soll sich insbesondere auf Maßnahmen zur Förderung der Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen, zur Abwendung von Risiken und Gefährdungen junger Menschen und auf die Entwicklung und Sicherung schulergänzender Angebote richten.

Entsprechendes findet sich im GTK leider nur für die Horte: „Bei seiner Arbeit hat der Hort eng mit den Schulen zusammenzuwirken.“ (§3(1), Satz 4 GTK). Es gibt jedoch einen gemeinsamen Erlass vom 15. November 1977 der beiden damals zuständigen Ministerien (KM und MAGS), der nach wie vor in Kraft ist und in dem es heißt: „Die Zusammenarbeit und gegenseitige Verständigung von Kindergarten und Grundschule soll fortentwickelt werden, um im Interesse der Kinder die Kontinuität des Erziehungsgeschehens in den verschiedenen Einrichtungen zu sichern.“

Die angesprochene „Kontinuität des Erziehungsgeschehens“ ist nicht nur im Interesse des Kindes, sondern auch eine große Hilfe für Eltern.

Wie Eltern die Dinge sehen: Übergänge als „sensible Phasen“

… Alle Übergänge in unserem Leben sind „sensible Phasen“, nämlich zugleich Anlässe, sich zu vergewissern, was war, wie auch Gelegenheiten, sich zu informieren über das, was sein wird, und darüber, wie es sein wird. Übergänge sind gute Gelegenheiten, neue Einstellungen zu finden, vielleicht sogar dem Leben eine neue Richtung zu geben. …….. Auch der Eintritt des Kindes in den Kindergarten ist für viele Eltern ein Einschnitt und ein wichtiger Übergang. Er ist eine Herausforderung an ihre Fähigkeit, loslassen zu können. Und das eigene Kind zum ersten Mal sagen zu hören:

„Die Frau … hat aber gesagt…“, ist ein Einschnitt für Eltern, bitte glauben Sie mir das. „Sensibel“ heißt allerdings auch: unsicher. Eltern sind – zumindest beim ersten Kind, das einen bestimmten Übergang vor sich hat – verunsichert, fragen sich, was kommen wird, und das ist kein beneidenswerter Zustand. Eltern suchen daher Sicherheit, wollen wissen, wie sie sich verhalten sollen, wollen keine Fehler machen. Da ist es nicht verwunderlich, dass sie oftmals auf vermeintlich sichere Informationen – vielleicht noch aus dritter und vierter Hand – hereinfallen (Eltern tratschen viel!) und dass sich plötzlich bei ihnen bestimmte Überzeugungen und Absichten festsetzen. Machen wir uns klar: Dies dient der Überwindung von Unsicherheit.

Noch etwas ist wichtig zu wissen: Der Beginn der schulischen Laufbahn ist bei vielen Eltern mit großen Erwartungen an das Kind und seine Entwicklung verbunden.

Manchmal sind diese Erwartungen unangemessen groß, und es wird eine heftige Frustration für die Eltern darstellen, wenn das Kind sie zwangsläufig nicht erfüllen wird. Aber es gibt auch den umgekehrten Fall: Eltern, die den Nesthocker spielen, denen es lieber ist, wenn ihr Kind in der vertrauten Umgebung des Kindergartens verbleibt, weil ihnen der neue Lern- und Erfahrungsraum „Schule“ schlicht gesagt unheimlich ist. Auch diese Eltern müssen beraten werfen.

Fakt ist, dass landesweit die Zahl der Kinder, deren Eltern einen Antrag auf Zurückstellung stellen, seit Jahren größer ist – und zwar deutlich größer – als die Zahl der Kinder, deren Eltern einen Antrag auf vorzeitige Einschulung stellen. Was die letzteren betrifft, will ich ihnen die Ergebnisse einer sorgfältigen und groß angelegten Untersuchung nicht vorenthalten, deren Ergebnisse mich nachdenklich gemach haben:

In einer groß angelegten Langzeitstudie hat Gabriele Bellenberg von der Universität Essen die schulische Laufbahn von mehr als 2000 Mädchen und Jungen verfolgt. Das Risiko, irgendwann im Verlauf der ersten zehn Schuljahre einmal eine Klasse wiederholen zu müssen, lag bei den regulär eingeschulten Kindern bei 18%, bei den vorzeitig eingeschulten dagegen bei 28%. Auch eine in Hamburg durchgeführte ähnliche Studie kommt zu einem vergleichbaren Ergebnis. Es gibt also „deutliche Hinweise, dass sich mit der vorzeitigen Einschulung ein erhöhtes Klassenwiederholungsrisiko verbindet, welches noch einmal steigt, je jünger das vorzeitig eingeschulte Kind ist.“

Konsequenzen für Kindergarten und Grundschule

Was kann getan werden, damit nicht gegen bereits vorgefasste Überzeugungen bei Eltern angegangen werden muss? Erstens: Eltern müssen frühzeitig angesprochen und erreicht werden, nicht erst kurz vor dem Anmeldetermin ihres Kindes, Zweitens: schule und Kindergarten müssen „mit einer Stimme sprechen“, sollten sichtbar machen, dass sie eine gemeinsame Linie verfolgen, sollten voneinander wisse, welche Informationen sie jeweils den Eltern geben. Die typische Reaktion von Eltern wird sonst sein: „Wenn sich schon die Fachleute nicht einig sind, was kann ich von denen dann erwarten?“

Das heißt: Schule und Kindergarten vereinbarten ein Konzept zur Gestaltung des Übergangs von Kindern in die Schule, das einschließt:

  1. Informationen an die Eltern über die „Spielregeln“ (z.B. Schulpflichtgesetz und Folgevorschriften) und die örtlichen organisatorischen Gegebenheiten (z.B. wann finden Elternveranstaltungen statt?)
  2. Besuche sowohl von Kindern und Erzieherinnen in der Schule als auch von Lehrkräften im Kindergarten.
  3. Gemeinsam gestaltet und durchgeführte Informationsveranstaltungen für Eltern, bei denen mindestens die drei folgenden Themen angesprochen werden:
  • „Wie bereitet der Kindergarten auf die Schule vor?“
  • „Was wird mein Kind in der Schule erleben?“
  • „Was ist bei der Wahl des Einschulungszeitpunktes zu bedenken?“

Bedenklich wäre übrigens die Weitergabe von Informationen zu bestimmten Kindern, ohne dass die Eltern einbezogen sind – schon aus Gründen des Datenschutzes. Noch einmal: Wichtig ist, dass Eltern wissen, dass Kindergarten und Schule an einem Strang ziehe. Alles andere trägt nur zur Verunsicherung bei.

  • Neustrukturierung des gesamten Lebenslaufs
  • Verwerfungen im Lebensrhythmus
  • Der gewachsene Originalitätsanspruch bei der Gestaltung des Lebenslaufs
  • Ueberforderung der Selbststeuerungs-Kompetenzen?
  • Konsequenzen für die pädagogische Arbeit
  • Ansätze der modernen Jugendarbeit und -politik
  • Absicherung des Bürgerstatus Jugendlicher
  • Veränderungen der Generationenkonstellationen
  • Literaturliste