Vorbemerkungen

„Gesundheit ist der Zustand des vollständigen körperlichen, psychischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Fehlen von Krankheit und Beeinträchtigung" (WHO, 1948)

Dieses Wohlbefinden wird in seinen unterschiedlichen Ausrichtungen in einem sehr bedeutenden Umfang durch unfallbedingte Verletzungen und Traumatisierungen beeinträchtigt. Besonders stark betroffen sind Kinder und Jugendliche. In Deutschland ereignen sich allein in den Bildungseinrichtungen jährlich ca. 1,7 Mio. Unfälle, Tendenz steigend. Das bedeutet: Jedes zehnte Kind bzw. jeder zehnte Schüler verletzt sich bei Veranstaltungen in der Schule, Hochschule und Kindertageseinrichtung. Darüber hinaus werden in Deutschland ca. 1 Mio. Kinderunfälle im Heim- und Freizeitbereich pro Jahr gemeldet. Pädagogen, Mediziner und Psychologen stellen in Übereinstimmung mit den statistischen Daten fest, dass Unfälle nach wie vor in Deutschland wie in den meisten hoch industrialisierten Ländern die häufigste Todesursache von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind und insbesondere für Kinder exponierte Stresssituationen darstellen.

Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund hat das Regionalkomitee der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Europa 1998 als Hauptziele seiner Gesundheitspolitik u.a. die „Verringerung der Inzidenz der wichtigsten Krankheiten und Verletzungen und der damit verbundenen Leiden" festgelegt. (WHO: Gesundheit 21 - 21 Ziele für das 21.Jahrhunder t)

Eine nachhaltige Verbesserung der Sicherheit von Kindern und Jugendlichen in und durch Schule erfordert einen Präventionsansatz, der über die bisherigen Ansätze der technisch orientierten Unfallverhütung und der Sicherheitserziehung hinaus geht und in dem Sicherheit umfassend und als Bestandteil von Gesundheit im Sinne der WHO-Definition verstanden wird, der subjekt- und weniger objektorientiert ist,

der System umfassend angelegt ist und Organisation, Individuen und Umwelt im Zusammenhang betrachtet, der nicht nur auf Verhütung von Risiken und Gefahren, sondern auch auf Förderung von Ressourcen abzielt und der als Entwicklungsprozess angelegt ist.

Ein solcher Ansatz, der die traditionellen Ansätze der Unfallverhütung und Sicherheitserziehung mit einschließt, kann mit dem Begriff Sicherheitsförderung bezeichnet werden.

Im Prozess der Verhütung von Unfällen und des Aufbaus von Sicherheitsbewusstsein erhält die Schule ähnlich wie bei der Gesundheitsförderung und Prävention einen sehr hohen Stellenwert. Kindheit und Jugend werden als grundlegend für die weitere Entwicklung im Leben betrachtet: In der Schule werden Kinder und Jugendliche in einer Entwicklungsphase erreicht, in der Verhaltensweisen noch ausgeprägt und gebildet werden. Demzufolge sind bei diesen Zielgruppen die Erfolgschancen für ein entsprechendes Empowerment größer als bei Erwachsenen. Auch für die Sicherheitsförderung gilt der Sinnspruch „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr" oder, so müsste korrekterweise ergänzt werden, nur sehr schwer. Die in der Kindheit und Jugend entwickelten Verhaltensweisen und Lebensstile sind für den Umgang mit Risiken und Konflikten, z.B. mit Alkohol und Drogen in der Regel ein Leben lang bestimmend.

Die Schule kann sehr stark diese Entwicklung beeinflussen. So zeigen schweizerische und britische Untersuchungen, dass im Verlauf der Schullaufbahn ein Ausgleich der Gesundheitschancen stattfindet und das Gesundheitsbewusstsein wesentlich und richtungsweisend beeinflusst werden kann (vgl. Jean-Claude Vuille/Maya Schenkel: Evaluation des Projektes „Gesundheitsteams an Schulen").

Will Sicherheitsförderung im Kontext von Schule erfolgreich sein, muss sie die schulischen Rahmenbedingungen berücksichtigen, die durch die Zielgruppen, die baulichen und organisatorischen Rahmenbedingungen sowie die systemischen Besonderheiten von Schule gegeben sind. Demzufolge muss sie sich vor allem am Erziehungs- und Bildungsauftrag von Schule orientieren. Unabhängig von Schulstufe und Schulform haben die Schulen den Auftrag, die für das Leben und Arbeiten erforderlichen Kompetenzen, Einstellungen und Werthaltungen zu vermitteln und Hilfen zur persönlichen Entfaltung in sozialer Verantwortung zu geben.

Für eine nachhaltige Sicherheitsförderung bedeutet dies, dass ihre Ziele, Inhalte und Methoden kompatibel sein müssen mit den Zielen, Inhalten und Methoden des schulischen Unterrichts und der schulischen Erziehung. Gelingt das, dann stellt Sicherheitsförderung keine zusätzliche Belastung für Lehrkräfte dar, sondern unterstützt sie in ihrem ureigensten Anliegen, eine „gute" Schule zu schaffen und guten Unterricht zu machen.