Wie können Schülerinnen und Schüler als Schlichter gewonnen werden?

Im Schlichtungsgespräch, das aufgezeichnet wurde, ist eine Schülerin der Realschule Sundern die Schlichterin. Schülerinnen und Schüler werden meist in der 9. Jahrgangsstufe als Schlichter ausgebildet und dann in Kiasse 10 eingesetzt. In der Regel schlichten sie Streitigkeiten zwischen Schülern der Klassen 5 und 6.

Die Schlichterausbildung an der Realschule Sundern dauert ca. 15 Wochen. Die Gruppentreffen hierzu finden meist am frühen Nachmittag nach dem Untericht statt. Um alle Schülerinnen und Schüler über das Schlichtungskonzept zu informieren und um einige für diese neue Aufgabe zu gewinnen, übernimmt eine der am Training beteiligten Lehrkräfte je eine Unterrichtsstunde in den Klassen der Jahrgangsstufe 9.

Ältere Schüler kennen aus eigener Erfahrung und dem täglichen Erleben und Beobachten die Situation jüngerer Schüler sehr genau: Diese werden häufig in Konflikte verwickelt, die Streitigkeiten werden heftig ausgetragen, oft bleiben nach Konflikten Ängste, Unzufriedenheit und Rachegefühle zurück. Relativ harmlose Streitigkeiten eskalieren oft und werden auf dem Heimweg, im Bus oder zuhause fortgesetzt.

Konfliktlösungen im Schulalltag werden allzu oft unter Zeitdruck durchgesetzt. Ein Verlierer bleibt zurück, die Beteiligten haben keine Gelegenheit sich ausführlich zu äußern, die beiden Kontrahenten vertragen sich nicht, wenn z.B. die Lösung von einem Lehrer vorgegeben wird, ohne daß die Zustimmung der Streitenden zu dieser Lösung erreicht wird. Strafe steht manchmal anstelle der Wiedergutmachung.

Ältere Schülerinnen und Schüler erkennen solche Schwachstellen der üblichen KonfliktlÖsungen in der Schule schnell. Diese Einsicht kann sich einstellen, wenn ein solcher Konfliktausgang mit einem Video oder besser noch mit Hilfe eines Rollenspiels dargestellt wird.

Wenn die Schülerinnen und Schüler dies herausgefunden haben, wird ihnen das Modell der Streit-Schlichtung erklärt. Dabei soll deutlich werden, daß mit einer StreitSchlichtung hätte vermieden werden können, was die Schülerinnen und Schüler vorher als falsch oder hinderlich für eine dauerhafte Konfliktlösung erkannt haben.

Fragen zur Zeitdauer der Ausbildung, zu Inhalten, zum wöchentlichen Termin und zur weiteren Organisation können beantwortet werden. Oft können einige dann schon entscheiden, ob sie am Schlichtungs-Programm mitwirken wollen; für andere, die noch etwas Bedenkzeit brauchen und sich nicht sofort entscheiden können, wird eine Anmeldefrist festgelegt. Für die weitere Entscheidungsfindung sind auch Gespräche mit schon tätigen Schlichtern möglich.

Das Potential ist groß. Es gibt viele Schülerinnen und Schüler, die aktiv an Gestaltung der Schule mitwirken wollen und froh sind, Verantwortung übernehmen zu dürfen, und die sich auch zutrauen, erforderliche Einstellungen und Fähigkeiten zu lernen wie z.B.

  • die Bereitschaft Neues auszuprobieren,
  • in Schwierigkeiten nicht sofort aufzugeben,
  • aktiv zuzuhören,
  • neutral zu bleiben,
  • einfühlsam zu sein,
  • schweigen zu können und
  • sich zurückzuhalten, damit die Kontrahenten selbst den Konflikt lösen.

Sie erkennen, daß es sich um eine spannende und interessante Ausbildung handelt. Sie sehen für sich selbst einen großen Gewinn im Hinblick auf ihre persÖnliche Entwicklung. Bei ihrer Tätigkeit als Schlichter werden sie spüren, welch wichtigen Stellenwert sie an der Schule haben. Besonders motiviert werden sie sein, wenn sie bereits in der Schule Gelegenheit hatten, Verantwortung zu übernehmen und sich z.B. für jüngere Schülerinnen und Schüler einzusetzen.Günther Graun / Wolfgang Hünicke: Streit-Schlichtung: Schülerinnen und Schüler übernehmen Verantwortung für Konfliktlösungen in der Schule. Soest 1996.