Vom Wandel der klassischen Gesundheitserziehung

Die Ottawa-Charta der Weltgesundheitsorganisation (WHO) (1) hat auch in den vergangenen zehn Jahren in der traditionellen schulischen Gesundheitserziehung einen tief greifenden Wandel bewirkt, der noch nicht abgeschlossen ist (2). Er lässt sich an folgenden Punkten festmachen, die sich zum Teil mit den vorher genannten überschneiden:

Vom Leitbegriff der "Gesundheitserziehung" zu dem der "Gesundheitsförderung"

Von Gesundheitserziehung im Sinne der traditionellen Gesundheitserziehung redet heute ernstlich keiner mehr. Die moderne Gesundheitserziehung bzw. -bildung kommt ohne den Begriff der "Gesundheitsförderung" nicht mehr aus. Im Konzept der "Gesundheitsfördernden Schule" hat sie ihren zurzeit aktuellsten Niederschlag gefunden (3).

Vom biomedizinischen Organismuskonzept zum Menschen als Person

In dem der Mensch als Person ins Zentrum rückt, tritt das "Maschinenmodell" des menschlichen Körpers in der Medizin, an das sich auch die klassische Gesundheitserziehung anlehnte, in den Hintergrund (4).

Von den Schülerinnen und Schülern zur Schulgemeinschaft

War die traditionelle Gesundheitserziehung noch auf die Schülerinnen und Schüler ausgerichtet, hat die Gesundheitsfördernde Schule alle an der Schule beteiligten Personen(gruppen) im Blick. Damit wird signalisiert: Gesundheit in der Schule geht alle an!

Von der Risikoorientierung zu einem salutogenetisch ausgerichteten Konzept

Während bei der traditionellen Gesundheitserziehung die Risiken dominieren, orientiert sich die schulische Gesundheitsförderung immer eher an den Chancen. Sie richtet den Blick auf die Gesundheitsressourcen, auf die Kraftquellen der Gesundheit oder wie Aaron Antonovsky sie nennt, auf die salutogenen (im Unterschied zu den pathogenen) Faktoren. Die herkömmliche Pädagogik des erhobenen Zeigefingers und die Abschreckungsdidaktik hat sich als wenig attraktiv für die Schülerinnen und Schüler erwiesen und sie war zudem auch wenig erfolgreich. Sie ist im Übrigen auch pädagogisch fragwürdig, weil sie den Heranwachsenden ein einseitig negatives Bild der Wirklichkeit bietet: Eine Welt voll von Risiken. Sie lässt weit gehend ausser Acht, dass die Welt ebenso voller "Hoffnungspotenziale" ist, wie Schneider (5) schreibt, die die Lebensfreude und den Lebensoptimismus der nachwachsenden Generation stimulieren können.

Vom individuellen Gesundheitsverhalten zu sozio-kulturell geprägten gesunden Lebensweisen

Die schulische Gesundheitsförderung versteht sich als ein soziales und sozialpolitisches Projekt. Die sozio-kulturellen Lebensweisen der Schülerinnen und Schüler, der Lehrkräfte und des nichtunterrichtenden Personals stehen bei ihr deutlicher im Mittelpunkt. als es bei der traditionellen Gesundheitserziehung der Fall war. Sie hat die gemeinsamen gesellschaftlichen Wurzeln der Gesundheit und ihrer Gefährdungen im Blick (6). Die schulische Gesundheitsförderung ist damit auf dem Weg, zu einem solidarisierenden, die Menschen in der Schule verbindenden Ansatz zu werden. Er hilft, die nahe liegende, oftmals praktizierte Strategie individueller Schuldzuweisung der Gesundheitserziehung ("blaming the victim") zu vermeiden.

Vom individuellen Gesundheitsverhalten zu settingbezogenen gesunden Lebensweisen

Die Umwelt und die Lebensbedingungen der Menschen rücken in der schulischen Gesundheitsförderung stärker ins Blickfeld. Die Schule ist neben der Kommune ("Healthy City"), dem Betrieb ("Gesundheitszirkel") und dem Krankenhaus ein solches Setting, in dem die moderne Gesundheitserziehung z.T. allerdings erst modellhaft verwirklicht wird (7). Mit dieser Orientierung erfolgt eine Abkehr von einer eher auf das individuelle Verhalten der Schülerinnen und Schüler fixierten Gesundheitserziehung, die dazu neigt, soziale Ursachen gesundheitlicher Probleme auszublenden bzw. zu psychologisieren und zu medikalisieren. Und schliesslich, aber nicht zuletzt:

Von einem normierend-disziplinierenden zu einem explizit demokratisch-emanzipatorischen Konzept

Die schulische Gesundheitsförderung vertritt das Credo der Gesundheitsförderung, das die Unterstützung der Selbstbestimmung über die Bedingungen der Gesundheit und damit die Stärkung der Gesundheit zum Inhalt hat (8). Sie nimmt Abschied von den traditionellen paternalistischen Vermittlungskonzepten. Mit dieser Auffassung steht sie modernen pädagogischen Konzeptionen der Gesundheitsbildung sehr nahe (9).

Anmerkungen:

(1) Weltgesundheitsorganisation (1992). Die Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung. In Paulus, P. (Hrsg.). Prävention und Gesundheitsförderung. Perspektiven für die psychosoziale Praxis (S. 17-22). Köln: GwG-Verlag

(2) zur allgemeinen Entwicklung der Gesundheitsförderung s. Franzkowiak, P.& Sabo, P. (Hrsg.) (1993). Dokumente der Gesundheitsförderung. Mainz: Peter Sabo Verlag

(3) vgl. Priebe, B.; Israel, G. & Hurrel-mann, K. (Hrsg.) (1993). Gesunde Schule. Gesundheitserziehung, Gesundheitsförderung, Schulentwicklung. Weinheim: Beltz sowie Paulus, P. (1995). Die Gesundheitsfördernde Schule. Der innovativste Ansatz gesundheitsbezogener Interventionen in Schulen. Deutsche Schule, 87

(4) vgl. Henkelmann, Th. & Karpf, D.(1987). Die Gesundheitserziehung ist weitgehend krankheitsorientiert. Ergebnisse einer Umfrage. In Venth, A. (Hrsg.). Gesundheit und Krankheit als Bil-dungsproblem (S. 107-116). Bad Heilbrunn: Klinkhardt sowie Haug, Ch. V. (1991). Gesundheitsbildung im Wandel. Die Tradition der europäischen Gesundheitsbildung und der "Health Promotion" Ansatz in den USA in ihrer Bedeutung für die gegenwärtige Gesundheitspädagogik. Bad Heilbrunn: Klinkhardt

(5) Schneider, V. (1993). Gesundheitsförderung heute. Konzepte, Möglichkeiten, Grenzen. Materialien für die Krankenpflege, Band 7. Freiburg: Lambertus, S. 77

(6) vgl. Stark, W. (1989). Lebensweltbezogene Prävention und Gesundheitsförderung. Konzepte und Strategien für die psychosoziale Praxis. Freiburg: Lambertus

(7) vgl. Pelikan, J.M., Demmer, H. & Hurrelmann, K. (1993). Gesundheitsförderung durch Organisationsentwicklung. Konzepte, Strategien und Projekte für Betriebe, Krankenhäuser und Schulen. Weinheim: Juventa

(8) Weltgesundheitsorganisation (1992). Die Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung. In Paulus, P. (Hrsg.). Prävention und Gesundheitsförderung. Perspektiven für die psychosoziale Praxis (S. 17-22). Köln: GwG-Verlag

(9) vgl. Haug, Ch. V. (1991). Gesundheitsbildung im Wandel. Die Tradition der europäischen Gesundheitsbildung und der "Health Promotion" Ansatz in den USA in ihrer Bedeutung für die gegenwärtige Gesundheitspädagogik. Bad Heilbrunn: Klinkhardt

Ulrich Barkholz, Georg Israel, Peter Paulus, Norbert Posse: Gesundheitsförderung in der Schule. - Ein Handbuch für Lehrerinnen und Lehrer. Landesinstitut für Schule und Weiterbildung, Soest 1997.