Von der Situationsanalyse bis zur Problembestimmung
Phase 2 an der Jahnschule

Wenn eine Schule gesundheitsförderlich arbeiten will, müssen sich diejenigen, die sie täglich machen, zunächst fragen, woran sie krankt:
Deshalb formulierten Sekretärinnen, Schülerinnen und Schüler, Hausmeisterei, Eltern, Reinigungsfrauen und Lehrkräfte jeweils ihr eigenes Anliegen an eine gesündere Jahnschule:

Schülerinnen und Schüler

Im Januar 1995 haben 25 Schülerinnen und Schüler aus den Jahrgängen 5 bis 13 an einer Werkstatt zur "Zukunft der Jahnschule" außerhalb Hamburgs teilgenommen.

Eine Vorbereitungsgruppe hatte gemeinsam mit der Projektleitung alle Schülerinnen und Schüler über das Vorhaben informiert und einen Teilnahmemodus gefunden, der "gewählte" SchülervertreterIinnen und "unorganisierte" Schülerinnen und Schüler mischte.

Schon dieser erste Schritt hat die Schülerinnen und Schüler stark aktiviert. Über die Information der Klassen und die demokratische Auswahl machten sie das Projekt zu ihrer Sache.

In Zukunftswerkstätten denken Menschen gemeinsam nach, entwickeln und diskutieren Ziele, entwerfen Handlungsstrategien. Die Methode wurde von Robert Jungk und anderen aus der Arbeit der Bürgerinitiativen entwickelt, um den Einfluss und die Beteiligungsmöglichkeiten von Menschen an Gesellschaft zu vergrößern. Die Zukunftswerkstatt besteht aus:

  • Kritikphase (Probleme, Unbehagen, Beschwerden formulieren),
  • Utopiephase (Ziele, Wünsche, Bedürfnisse formulieren),
  • Umsetzungsphase (Umsetzbarkeit prüfen Strategien entwickeln, Arbeitsschritte planen).

Was muss sich aus Deiner Sicht an der Schule verändern?

(Ergebnisse der Klassenbefragung in den Klasse 5 bis 10 am 8.2.1994)
gemeinsame Wünsche aller Jahrgänge:

Unterricht:

  •     mehr Sport
  •     mehr Mitgestaltung und Projektarbeit

Stress:

  •     späterer Schulanfang
  •     weniger Hausaufgaben
  •     mehr/andere Pausen

Schulausstattung:

  •     gemütlichere Klassen und Flure
  •     bessere Verpflegung in der Pausenhalle und Kantine

Schulorganisation:

  •     den Schulhof verlassen dürfen

jahrgangsspezifische Wünsche:

  • Jahrgang 5:
    • ohne Noten lernen
    • mehr Pausen
    • mehr Spielgeräte auf dem Hof
    • sauberere WCs
    • Rücksicht der Älteren gegenüber den Jüngeren
  • Jahrgänge 8 bis 10:
    • bessere Verteilung der Klassenarbeiten
    • Schließfächer
    • mehr/andere Wahlpflichtfächer
    • ein der Körpergröße angepasstes Mobiliar

Es sind nur Wünsche aufgenommen worden, die mehr als zehnmal genannt wurden
(Schülerteam/Nitschkowski

In der Zukunftswerkstatt selbst arbeiteten sie drei Tage sehr intensiv an ihrer Kritik der Jahnschule ("Was macht mich krank?"), entwarfen Schulutopien und verabschiedeten abschließend "Leitlinien" für ihre Schule, die sie in das Schulprojekt einbringen und verwirklichen wollten:

  • Mitsprache und Mitgestaltung in der Unterrichtsplanung, bei der Gestaltung von Räumen, Gebäuden und Gelände, bei Tages- und Jahresabläufen, Teilnahme an Konferenzen, selbstverantwortliches Lernen möglich machen
  • Abbau von Stress in der Notengebung: Durchschaubarkeit des
  • Zustandekommens erhöhen, ausführliche und verständliche Kommentare in allen Jahrgängen Abbau von Zeitstress: Staus von Arbeiten und Klausuren vermeiden, veränderte Pausenzeiten, späterer Schulbeginn, weniger Hausaufgaben
  • Schule öffnen für Freizeit

Durch die umsichtige externe Moderation der Zukunftswerkstatt, erlebten sich die Schülerinnen und Schüler als Spezialisten für die Weiterentwicklung ihrer Schule. Die Kooperation und Wertschätzung untereinander war groß. Sie konnten ihre Anliegen formulieren und Verantwortung für den Arbeitsablauf im Seminar übernehmen.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer informierten anschließend alle Klassen über ihre Arbeitsergebnisse und fragten zugleich nach ihren Veränderungswünschen. So kam ein differenziertes Bild der Schülerbedürfnisse zustande, das die Ergebnisse der Zukunftswerkstatt bestätigte.

Gleichzeitig wurde eine überraschend große Mobilisierung unter den Schülerinnen und Schülern ausgelöst, die am liebsten sofort anfangen wollten - für Lehrkräfte, Projektleitung und Schulsprecherteam zu diesem Zeitpunkt eine Überforderung.

Lehrerinnen und Lehrer

Die 125 Lehrkräfte haben ebenfalls im Januar 1995 an einem ganztägigen Konferenztag "Schulentwicklung" in Arbeitsgruppen die Themen bearbeitet, die sie für besonders dringlich für die Weiterentwicklung der Schule hielten.

Durch die parallele Arbeit mit dem der Jahnschule angepassten "Gesundheitsstern" hatten sich drei für alle Arbeitsgruppen verbindliche Leitfragen ergeben:

  • Inwieweit entspricht die jetzige Schulorganisation den aktuellen Arbeitsbedürfnissen der Lehrerinnen und Lehrer? (Organisatorische Dimension)
  • Inwieweit haben sie einen ausreichenden Konsens über die inhaltliche Entwicklungsrichtung der Schule? (Konzeptionelle Dimension)
  • Inwieweit lässt sich das Betriebsklima verbessern? (Soziale Dimension)

Diese drei Dimensionen deckten 80 Prozent der persönlich dringenden Veränderungswünsche ab, die schon ein halbes Jahr zuvor auf einer Lehrerkonferenz gesammelt worden waren.

Im Mittelpunkt des Interesses der Lehrkräfte stand die Frage, wie der Stress im Lehrer(innen)alltag gemindert werden kann.

Mehrere Arbeitsgruppen untersuchten die schulischen Arbeitsbedingungen und entwickelten eine Fülle konkreter Vorschläge zur Erleichterung der täglichen Arbeit.

Auch Unklarheiten in Regeln und Verbindlichkeiten an der Schule wurden als Stressfaktor identifiziert und erkannt, wie nötig eine Verständigung über die Grundwerte pädagogischen Handelns war.

Auf einer nachfolgenden Lehrerkonferenz stellten alle Arbeitsgruppen ihre Ergebnisse vor und übergaben sie der Projektberatungsgruppe.

Die nichtpädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Sie trafen sich in eigenen Sitzungen, um ihre spezifischen Veränderungswünsche zusammenzustellen und sie der Projektberatungsgruppe zur Beratung zu übergeben.

Die Reinigungsfrauen und die Mitarbeiter der Hausmeisterei hatten eine Fülle konkreter Klagen über Nachlässigkeiten, Schmutz und vermeidbare Schäden.

Auch die Sekretärinnen und der Werkstatt-Meister wünschten sich Rücksicht und Aufmerksamkeit von Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften. Deutlich wurde, dass im öffentlichen Nachdenken der Schule bisher wenig an die Bedürfnisse dieser Gruppe gedacht worden war.

Eltern

Sie berieten sich auf einem Wochenendseminar des Elternrats zu einer Entwicklung der Jahnschule "im Sinne der Kinder" und wünschten sich eine "vertrauensvolle Lernatmosphäre, Gerechtigkeit, nachvollziehbare Regeln, bewegtes Lernen, Toleranz und Akzeptanz".

Deutlich wurde, dass sie sich in erster Linie als Anwalt ihrer Kinder äußerten. Sie sind als einzige Gruppe nicht direkt am täglichen Schulgeschehen beteiligt, haben aber eine wichtige Bedeutung für die Entwicklung der Schule.

Insgesamt sind sehr viele Ideen und Wünsche zusammengetragen worden, einige sehr konkret, andere komplex, einige drängend, andere nur langfristig zu verwirklichen.

Die Projektberatungsgruppe wertete diese Bedarfsermittlungen aus und fasste die formulierten Wünsche zu drei zukünftigen Entwicklungsthemen zusammen, die als Fokus für die weiteren Schritte zur Gesundheitsfördernden Schule verstanden werden sollten:

  1. Wohltuende Räume gestalten (Flure, Pausenkantine, Licht, Farbe, Ruhezonen, Spielangebote...)
  2. Mehr Ruhe in den Schulalltag bringen (Stress und Hektik im Alltag von Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften verringern)
  3. Kommunikation miteinander verbessern(miteinander ins Gespräch kommen, Erfahrungen austauschen, sich gegenseitig achten und ernst nehmen...)


Sie leitete damit eine Phase ein, in der zunächst konzeptionell Lösungen für die formulierten Bedürfnisse gesucht wurden. Dazu wurden Entwicklungsgruppen gebildet, in denen alle Gruppierungen der Schule vertreten sein sollten.

Aus heutiger Sicht werden in dieser Phase förderliche und hinderliche Faktoren sichtbar, die wir in der Situation selbst nicht wahrgenommen haben:

 

  • Allen Gruppen fiel zu diesem Zeitpunkt noch schwer, die ganze Schule in den Blick zu nehmen. Es gab noch wenig Verständnis dafür, Schulentwicklung als systematischen Arbeitsprozess vieler Beteiligter zu sehen. Stattdessen war die Skepsis groß bei allem, was nicht "sofort" sichtbare Erleichterungen für den eigenen Arbeitsplatz zeigte. Hier wirkte sich massiv aus, dass das Kollegium an der Entscheidung für die Arbeit mit Organisationsentwicklung nicht beteiligt worden war.
  • Obwohl eine breite Beteiligung der Lehrkräfte an der Bedarfsanalyse erreicht worden war, blieb die Lehrerbeteiligung am Projekt gering. Die Diskussion wurde nicht in den Jahrgängen fortgesetzt, die weitere Arbeit wurde praktisch an die wenigen schon im Projekt arbeitenden Kolleg(inn)en "delegiert". Denn zeitgleich hatte die Hamburger Schulbehörde massive Sparmaßnahmen angekündigt, die erhebliche Verschlechterungen für die Arbeits- und Lernbedingungen bedeuteten. Die Lehrkräfte vermissten in diesem Verhalten der Behörde jegliche Wertschätzung ihrer Arbeit Gleichzeitig verlangte das Schulprojekt eine kritische Auseinandersetzung und persönliche Veränderungsbereitschaft von ihnen Im Kollegium brach eine heftige Kontroverse darüber aus, ob man unter diesen Umständen überhaupt noch eine aktive Schulentwicklung betreiben solle. Es entstand eine "Werte-Barriere" gegen die geplanten Veränderungsprozesse, die erst nach Abschluss des Projektes überwunden werden konnte
  • Während das Lehrerkollegium sich weit gehend mit der Bewältigung der verschlechterten Arbeitsbedingungen beschäftigte, war durch die Zukunftswerkstatt eine ungestüme hohe Motivation zur Mitarbeit an schulischen Veränderungen bei den Schülerinnen und Schülern entstanden, die die Eltern begrüßten. Die Diskussion der Bestandsaufnahme in der Projektberatungsgruppe zeigte deshalb gravierende Spannungen zwischen den veränderungsfreudigen Schülerinnen und Schülern und Eltern auf der einen und den auf Stabilität bedachten Lehrkräften auf der anderen Seite.
  • Bei den Lehrkräften fehlte in der Bedarfsanalyse eine gemeinsame Arbeit an ihren positiven "Visionen" von Schule, wie sie die Schülerinnen und Schüler z.B. in ihrer Zukunftswerkstatt erarbeitet hatten. Die Lehrkräfte hatten am Konferenztag eher eine "Mängelliste" dessen abgearbeitet, was sie für sich als "krank machend" an der Schule empfanden. Ein elternspezifischer Blick auf Schulentwicklung war noch nicht entwickelt. Diese unterschiedlichen Arbeitsvoraussetzungen in den Gruppierungen wurden nicht bewusst berücksichtigt.
  • Die Ausgangsfrage der Bedarfsanalyse "Was macht mich krank an der Jahnschule?" (1) war ein bewusst subjektiver Zugang zur Bedarfsermittlung und entsprach unserer Erkenntnis aus der Organisationsentwicklung, dass Entwicklung "bei mir selber" beginnt. Viele Themen wurden aufgefächert, darüber geriet unser ursprüngliches Problembewusstsein vor Eintritt in das Projekt (dezentrale Jahrgangsstruktur) in den Hintergrund.

Anmerkungen:

(1) vgl. Paulus, P. (1995). Die Gesundheitsfördernde Schule. Der innovativste Ansatz gesundheitsbezogener Interventionen in Schulen. Deutsche Schule, 7, 267

Angelika Ntschkowski in: Ulrich Barkholz u.a.: Gesundheitsförderung in der Schule. Ein Handbuch für Lehrerinnen und Lehrer. Soest 1998.