Der gewachsene Originalitätsanspruch bei der Gestaltung des Lebenslaufs

Die geschilderten Umbrüche des Lebensrhythmus haben also die Konsequenz, dass die Eigenleistungen eines jeden Menschen bei der Gestaltung des Lebenslaufs deutlich anwachsen. Die Strukturierung von Ereignissen im Zeitablauf, die Basis einer Biografie wird nur noch zu einem Teil durch gesellschaftliche Vorgaben und kulturelle Symbole unterstrichen. Durch die heute charakteristische Freisetzung von Traditionen und festgelegten Rollenvorstellungen besteht zwar die Chance, einen eigenen Lebensstil aufzubauen und selbstständig zu sein. Zugleich besteht aber auch die Erwartung, einen ganz persönlichen und einmaligen Weg zu finden, der der Zielvorstellung des Individualismus nachkommt.

Schon Kinder und Jugendliche fühlen sich hierdurch unter einem schwer zu bewältigenden Originalitätsanspruch. Ob sich ein Mensch als selbstständig erfährt, hängt davon ab, ob er sich für die eigene Lebensführung selbst verantwortlich empfindet und sich als Quelle der eigenen Handlungen und Urteile begreift. Für viele Kinder und Jugendliche ist es schwierig, diese innere Empfindung zuverlässig aufzubauen und die geeigneten Maßstäbe für „Selbstständigkeit" zu entwickeln und umzusetzen. Sie sind sozusagen auf der ständigen Suche nach sich selbst als origineller Persönlichkeit. Zunehmend gilt das aber auch für „Erwachsene" (Hurrelmann 2002).

Das Leben in den modernen westlichen Industriegesellschaften ist für Menschen aller Altersgruppen im Vergleich zu früheren Epochen unübersichtlich geworden. Kinder und Jugendliche trifft dieses in einer formativen Phase ihres Lebens. Dadurch erhalten sie die Möglichkeit, sich von Anfang an auf die Vielfalt des gesellschaftlichen Lebens einzurichten und mit der Pluralität von Lebenswelten umzugehen. Sie können eine Persönlichkeitsstruktur entwickeln, die auf die schnell wechselnden sozialen und kulturellen Bedingungen angemessen eingeht. Sie können diese Situation produktiv bewältigen, wenn sie eine hohe Virtuosität des Verhaltens und der Problemverarbeitung entwickeln, um mit unterschiedlichen Wahrnehmungen und Anforderungen in verschiedenen Situationen und Lebensbereichen umzugehen und dabei einen Weg für sich selbst zu finden (Hurrelmann und Bründel 2003).

Eindeutige und unbezweifelbare Normen und Werte, feste Zugehörigkeiten und Milieus, kalkulierte und klare Abfolgen von persönlichen Lebensschritten, sichere moralische und ethische Standards, eindeutige soziale Vorbilder - alle diese wichtigen Voraussetzungen für den Aufbau einer Persönlichkeit fehlen heute allzu oft. Jeder muss mit sich selbst und den anderen seinen eigenen Lebensstil „aushandeln", den persönlichen Lebensplan definieren und ständig neu verändern, ebenso auch das Bild von der eigenen Person flexibel weiterentwickeln. Das „moderne Individuum" benötigt eine hohe Flexibilität der Orientierung, ein waches Monitoring und eine ausgeprägte Kapazität der Selbststeuerung mit der Fähigkeit, das eigene Handeln selbstwirksam zu beeinflussen. Ein „innerer Kompass" ist notwendig, um die Vielfältigkeiten von Handlungsanforderungen und Aktionsalternativen sinnvoll einzuschätzen und zu bewältigen (Hurrelmann und Ulich 2002; Keupp und Höfer 1997).