Diagnosegeleitete Lehrerbildung zur Förderung der Lehrergesundheit

Pädagogen und Pädagoginnen entwickeln unter Alltagsbelastungen eine Vorstellung von ihren Leistungsvoraussetzungen, ihren Stärken und Schwächen. Auf dieser Basis wählen sie bedürfnisorientiert Kurse zur Weiterbildung, von denen sie sich Entwicklungserfolge versprechen.

Diese subjektive Einschätzung muss nicht immer mit dem diagnostizierbaren Befund übereinstimmen. Sowohl auf der Seite der Ressourcen als auch der Risikofaktoren kann es zu Über- oder Unterschätzungen kommen. In diesen Fällen kommen dann die tatsächlichen Leistungsvoraussetzungen nicht optimal zum Einsatz.

So wie ein kostenloser Teststreifen aus der Apotheke lange vor spürbaren Beeinträchtigungen Klarheit verschaffen kann, ob ein Diabetesrisiko vorliegt und eine entsprechende Diät angezeigt ist, so können Lehrkräfte eine Reihe von Tests im Internet nutzen, um eigene Stärken festzustellen, die dann zu vertiefenden Selbstwirksamkeitserfahrungen führen können. Ebenso können auch Risikofaktoren erkannt werden, um gezielt daran zu arbeiten. Wer die Realitätshaltigkeit seiner Potenzialanalysen überprüfen möchte, tut gut daran, seine Selbsteinschätzungen mit den Fremdurteilen von Peers, aber auch mit Testergebnissen oder aktuellen Verhaltenproben oder sogar Urteilen von Vorgesetzten zu vergleichen. Die Urteilsvergleiche durch solche 360°-Diagnosen haben noch eine zweite Funktion: Manche Pädagogen und Pädagoginnen fühlen sich verunsichert durch eigene Vermutungen darüber, welche Stärken und Schwächen Schülerinnen und Schüler, Eltern und Erziehungsberechtigte,  und Kollegen und Vorgesetzte ihnen unterstellen.

Auch in diesem Fall können Diagnosen Klarheit vermitteln. Auf der Basis geprüfter Informationen über eigene Stärken und Schwächen können anschließend bedarfsorientiert Weiterbildungsangebote genutzt werden, die zwar nicht immer mit den Weiterbildungsbedürfnissen übereinstimmen, aber vermutlich nachhaltigere Effekte haben.

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Die vergleichende Beurteilung von Ressourcen und Risikofaktoren durch mehrere Urteiler führen in der Regel zu Ambivalenz-Erfahrungen, die die Änderungsmotivation der Betroffenen aktivieren.

Die nächste Abbildung zeigt ein Beispiel eines Kollegiums von 31 Lehrkräften, die den AVEM von Schaarschmidt und Fischer (1996) durchführten, um ihre Stärken und Schwächen in den Bereichen Engagement, Bewältigungskompetenz und Zufriedenheit kennen zu lernen und Teilgruppen mit einem ähnlichen Entwicklungsbedarf für ein gezieltes Training zu gründen.

In den Zellen der linken Spalte steht die Anzahl von Lehrkräften, die zu den unteren 25 Prozent der Stichprobe bezogen auf die Merkmalsausprägung gehören, in der mittleren Spalte steht die Anzahl der Personen, deren Merkmalsausprägung den mittleren 50 Prozent entspricht und in der rechten Spalte die Personen mit Merkmalsausprägungen über PR 75. Die eingezeichnete Kurve steht für das Profil von Lehrer M aus diesem Kollegium.

Nach Tabelle 2 zeigen in dem Kollegium sechs Mitglieder Werte in Verausgabungsbereitschaft, die - gemessen an den Testnormen - den unteren 25 Prozenträngen zuzuordnen sind. Zu diesem Personenkreis gehört Herr M. Neun Mitglieder des Kollegiums zeigen in diesem Bereich sehr hohe Werte. Beide Gruppen dürften etwas in Spannung zueinander stehen. Herr M könnte nun prüfen, ob seine Testwerte mit Selbst- und Fremdeinschätzungen übereinstimmen, könnte feststellen, dass er nicht alleine diesen Risikofaktor in sich trägt, und auf einem Gebiet seiner

Wahl zusammen mit ebenfalls betroffenen Kollegen bzw. Kolleginnen eine gezielte Entwicklungsarbeit aufnehmen. Ähnliche Analysen lassen sich auch für Studienseminare oder Veranstaltungen von Lehramtsstudierenden durchführen. Sie bilden eine für alle zugängliche Basis für bedarfsorientiertes kooperatives Lernen.