Unterrichtsentwicklung muss neurobiologische Erkenntnisse nutzen

Neurobiologische Forschungsergebnisse werden immer stärker in die erziehungswissenschaftliche Diskussion um Lehren und Lernen einbezogen. Dabei muss berücksichtigt werden, dass das Feld der Neuroscience in schneller Entwicklung begriffen ist und kaum abzusehen ist, welche Ergebnisse in diesem hoch komplexen Feld 8 dauerhaften Bestand haben. Die Diskussion um die Funktion der Hirnhälften und der übergreifenden neuronalen Netzwerke hat gezeigt, dass hier Geduld und Vorsicht angezeigt ist. So ist es im Moment auch nicht angebracht, von Neurodidaktik zu sprechen. Trotzdem kristallisieren sich vier Komplexe heraus, die bei der Diskussion um Unterrichtsentwicklung berücksichtigt werden sollten (vgl. Schirp 2003):

Das Gehirn als neuronales Netzwerk baut seine Strukturen über Musterbildung, Musterverarbeitung und Musterspeicherung aus. Der Begriff der kognitiven Struktur, die vom Individuum selbst geschaffen wird, den Piaget schon in den 60er - Jahren eingeführt hat, findet hier seine empirische Bestätigung. Dieser Strukturbildungsprozess steuert in allen Bereichen unsere Wahrnehmung, unsere Wahrnehmungsverarbeitung und -speicherung in expliziten und impliziten Prozessen. Dabei spielt die Häufigkeit, Intensität und Multimodalität der Musterangebote eine wichtige Rolle. Neurobiologischer Aspekt : aktive, bewusste Musterbildung.

  • Unser Gehirn wäre überfordert, wenn alle Sinneswahrnehmungen in dauerhaft bedeutsame Verarbeitungsprozesse überführt würden. Es selektiert die äußeren Reize nach Sinn, Relevanz und Bedeutung ; es ist in der Lage, unvollständige Informationen sinnvoll zu ergänzen, und verknüpft sinnliche Wahrnehmung mit sprachlichen Codierungen und episodischen Elementen, um die langfristige Speicherung zu erleichtern. Neurobiologischer Aspekt : individuelle Sinnstiftung und (lern-) biografische Verankerung.
  • Emotionale Zustände haben großen Einfluss auf kognitive Verarbeitungsprozesse. Lernkontexte und Lerngegenstände sind affektiv geladen und können sich förderlich oder hinderlich auf Lernprozesse auswirken. Emotion und Kognition sind eng verknüpft, wenn es um Wahrnehmung, Verstehen und Verständnis geht. Neurobiologischer Aspekt : Lernklima und Beziehungsebene.
  • Eigenes Handeln und das Lernen am Handlungsmodell des anderen, verbunden mit Kognition und Emotion, schaffen vernetzte neuronale Landkarten, die dauerhaft das soziale Handeln und die Werteentwicklung prägen. Daher sind «Vor - Leben», «Nach - Denken», «Mit - Machen» und «Sich - Kümmern» (vgl. Schirp 2004) zentrale Bausteine einer schulischen Werteerziehung. Neurobiologischer Aspekt : Gestaltung und Mitgestaltung.


Diese neurowissenschaftlichen Aspekte legen es nahe, die aktive Selbststeuerungsrolle der Lernenden zu stärken, Sinnstiftung des Lernens zu ermöglichen und den Menschen in seiner zu bildenden Ganzheit zu betrachten.

Aus der Lernerperspektive ist das Konzept Lernen - durch - Lehren (vgl. Martin 1994; Thiele 2002) eine vor allem im Fremdsprachenunterricht erprobte Unterrichtsvariante, ein möglicher Weg, den aktiven, selbsttätigen und sozialen Charakter des Lernens zu betonen. Schülerinnen und Schüler übernehmen den Lehrerpart, z.B. bei der Semantisierung von Begriffen, bei der Moderation von Arbeitsprozessen, bei der Sicherung und Präsentation von Unterrichtsergebnissen. Dies erhöht die Selbststeuerung und Selbstverantwortung in Lernprozessen, schafft ein Qualitätsbewusstsein für Unterrichtsprozesse auf der Seite der Lernenden und macht Selbstwirksamkeit und Kompetenzentwicklung direkt erfahrbar. In Verfahren des kooperativen Lernens hat dieses Konzept einen wichtigen Stellenwert (vgl. Weidner 2003).

Neurobiologen wie Ulrike Teuchert - Noodt messen diesem Konzept so viel Bedeutung zu, dass sie der DVD «Physiologische Grundlagen des Lernens» (Polascheck et al. 2003) den Obertitel «Lehren durch Lernen» geben und das Lernprogramm von Studierenden entwickeln lassen - diese ihr Lernen also ebenfalls durch Lehren organisieren. 7)