Leitideen einer gesundheitsförderlichen Unterrichtsentwicklung

Nobody likes change, except a wet baby

Unterrichtsentwicklung wird von vielen und in vielen Kontexten gefordert. Selten aber wird gefragt, wann und unter welchen Bedingungen Menschen bereit sind, sich zu entwickeln. Es sind sehr unterschiedliche Antworten auf diese Frage denkbar :

  • In einem professionellen Lehrerleitbild ist permanente, bewusst reflektierte und gesteuerte Entwicklung unabdingbarer Bestandteil von Professionalität.
  • Im Arbeitsalltag gibt es einen eher unbewusst ablaufenden Prozess der Anpassung von Berufsroutinen an sich ständig wandelnde Alltagssituationen.

Zwischen diesen beiden Polen liegt ein breites Feld an Einstellungen und Handlungsbereitschaften. Für durchschnittlich Handelnde ist wohl die Feststellung zutreffend, dass schon einiges passieren muss, bevor man gewillt ist, eingeschliffene Handlungsstrategien zu überdenken und zu verändern.

«Einiges» kann zum Beispiel darin bestehen, dass die von außen gesetzten Ziele der Arbeit offensichtlich nicht erreicht wurden, dass Konflikte auf der Beziehungsebene das Maß der Ignorierbarkeit überschreiten oder dass man, was die Berufszufriedenheit angeht, einen Tiefpunkt erreicht hat. Genauso ist aber auch denkbar, dass neue Anforderungen mit den bewährten Strategien nicht erfüllt werden können. Einige dieser denkbaren Ausgangsszenarien beschreiben wir im weiteren Verlauf dieses Beitrags.

Mit den salutogenetischen Kategorien von Aaron Antonovsky formuliert :

Entwicklung findet dann statt, wenn die Verstehbarkeit, Bewältigbarkeit und Sinnhaftigkeit der eigenen Arbeit gefährdet sind. Bereits an dieser Stelle wird deutlich, dass Entwicklung nur sehr begrenzt von außen initiierbar oder gar steuerbar ist. Entscheidend ist die Position des handelnden Subjekts. Daher gilt für Gesundheitsförderung allgemein und für gesundheitsorientierte Unterrichtsentwicklung im Besonderen, dass der Ausgangspunkt aller Bemühungen bei den Personen selbst liegt - im professionellen Selbst als der Steuerungszentrale des beruflichen Handelns.

Unterrichtsentwicklung, unter gesundheitsförderlichen Gesichtspunkten betrachtet, wird hier zunächst als deskriptiver Begriff benutzt, um Alltagspraxis, Dimensionen und mögliche Strategien zu beschreiben. Nimmt man sie als präskriptiven Begriff, umfasst Unterrichtsentwicklung auch normative Vorstellungen von gutem, gesundheitsförderndem Unterricht, die diskursiv geprüft werden müssen. Es gilt dabei, dem komplexen Wirkungsgefüge gerecht zu werden und Personal-, Schul- und Unterrichtsentwicklung im Zusammenhang zu sehen.

Wo kommen also individuelle Entwicklungspotenziale und sinnvolle Orientierungen eines gesundheitsförderlich orientierten Schulprogramms so zusammen, dass innovative Impulse zur Unterrichtsentwicklung auf alltägliche Lehrerroutinen treffen und sie nachhaltig verändern - und wie werden sie in der Praxis wirksam ? Wo, wenn nicht in der Person des Lehrers!

  • Auf der Ebene der individuellen Voraussetzungen überall dort, wo Lebensentwürfe und biografische Erfahrungen nah an einem gesundheitsförderlich geprägten Verständnis des schulischen Bildungsauftrages sind und praktisches Handeln leiten und individuell legitimieren.
  • Auf der Ebene des Alltagshandelns überall dort, wo Problemsituationen im Unterricht, offengebliebene Erwartungen, kritische Anfragen von außen die Selbstreflexion des Lehrers anstoßen, die dazu führt, eigene Handlungsroutinen, Planungsentscheidungen und kommunikative Praxis im Unterricht zu hinterfragen.
  • Auf der Ebene der Handlungsstrukturen im Beruf, in kollegialen Strukturen, im Schulleben und im Unterricht. Auf Unterricht bezogen: in der Planung, mit der individuelles Handeln und methodisches Vorgehen vorstrukturiert wird ; in der Durchführung, in der individuelle Modelle zu Lernprozessen, zum Selbstverständnis und zu Schüler - Rückmeldungen die Diagnosen und Interventionen im Unterricht leiten, und schließlich in der Auswertung, in der Lernergebnisse begutachtet und bewertet, Unterrichtsereignisse kritisch reflektiert und nachbearbeitet, Ursachenzuweisungen vorgenommen und überprüft werden, um zukünftiges Handeln zu optimieren, und in der schließlich die eigene Rolle in der Durchführung kritisch beleuchtet wird.

Auch wenn diese Ebenen sehr schnell zusammenlaufen, sind damit Zugänge beschrieben, über die sich Grundlagen, Entwicklung und Qualität von Unterricht im Sinne der Gesundheitsförderung kommunizieren lassen.