Gesundheit, Natur und Umwelt - eine enge Beziehung

Die von Menschen verursachten gravierenden Umweltbelastungen schädigen nicht nur die Natur, sondern wirken sich auch negativ auf die menschliche Gesundheit aus. Bei Kindern weist der Trend weg von akuten hin zu chronischen Erkrankungen. Kinder, deren Immunsystem schwächer ist als das von Erwachsenen, sind die ersten Leidtragenden. Kinderärzte beobachten bereits seit einigen Jahren eine auffällige Zunahme von Asthma- und Allergieerkrankungen bei Kindern. Außerdem gewinnen Kinder und Jugendliche auch in ihrer Freizeit immer weniger unmittelbare Erfahrungen mit der Natur. Immer seltener nehmen sie die Gelegenheit wahr, im Wald, am Bach, auf Wiesen oder in Hecken zu spielen. Im gleichen Maße wie die Entfremdung von der Natur voranschreitet, wird die Gefährdung der Natur zu einem aktuellen Thema. Naturerleben kann dazu beitragen, Kinder und Jugendliche über eigene Erfahrungen und Selbstaktivität aus dem Gefühl des passiven Ausgeliefertseins herauszuführen.

Das Wissen um die Ausbeutung der Natur, um Umweltschäden und Gesundheitsgefahren war noch nie so stark verbreitet wie heute. Bei Kindern und Jugendlichen hat das zu einer weit verbreiteten Furcht vor der Zunahme der Umweltzerstörungen geführt. Die angesichts der realen Gefahren berechtigte Besorgnis führt nicht selten auch zu krank machenden Gefühlen der Orientierungslosigkeit, Hilflosigkeit und Resignation.

Ein entfremdeter, auf Ausbeutung gerichteter Umgang mit der Natur und das letztlich krank machende Lebensprinzip des "immer mehr", "immer schneller" hängen eng zusammen. Ohne ein ökologisch verantwortliches Bewusstsein ist ein gesundheitsförderliches Verhalten kaum denkbar. Die eigene innere Natur und die äußere Natur mit allen Sinnen bewusster und intensiver wahrnehmen können und sich in kreativer, spielerischer und gestalterischer Form mit ihr auseinander zu setzen sind wichtige Voraussetzungen, um mit sich selbst und mit der Umwelt sorgfältiger und verantwortlicher umgehen zu können.

In den 60er und 70er Jahren wurde der naturwissenschaftliche Aspekt in den Vordergrund des Unterrichts gestellt. Diese Tatsache und die Zunahme der Mediennutzung führte unter anderem dazu, dass die praktische Anschauung, der unmittelbare Umgang mit Naturobjekten, das Arbeiten in der freien Natur zurück ging und aus dem Blickfeld geriet.

Naturerleben bedeutet sich einzulassen auf Natur- und Selbsterfahrung und hierüber auch neue Bereitschaft zu umweltbewusstem Engagement zu wecken. Über Naturerlebnisse soll die Öffnung aller Sinne, die Entfaltung von Kreativität und Spielfreude erreicht werden. Naturerleben soll wieder Begeisterung für die Natur wecken, es zielt auf die Wiederentdeckung des Reichtums der Natur, auf eine positive Zuwendung zur Natur und darüber hinaus auf ein verändertes Umwelt- bzw. Mitweltverständnis und Mitweltbewusstsein. Naturerleben soll sensibilisieren für Erfahrungen, die heute im täglichen Leben weniger möglich sind als früher. Es soll die Sinne öffnen für die unzähligen kleinen Ereignisse und Empfindungen aus der natürlichen Mitwelt, die man leicht missachtet. So wird Naturerleben zu einer wichtigen Voraussetzung für ökologisches Bewusstsein und zu einem Element der Gesundheitsförderung.

Durch das bewusste Erleben der Natur können neue Freude, Spaß, Energien und Kräfte geweckt werden. Wer an sich selbst erfährt, wie gut es tun kann, sich in der Natur aufzuhalten und die eigenen Sinne auf ihren Reichtum zu richten, entdeckt darin möglicherweise auch ihren Erholungs- und Heilungswert und damit eine wichtige Quelle zum Erhalt der eigenen Gesundheit.

Ellen Wilke in: Ulrich Barkholz / Georg Israel / Peter Paulus / Norbert Posse: Gesundheitsförderung in der Schule. Ein Handbuch für Lehrerinnen und Lehrer. Landesinstitut für Schule und Weiterbildung, Soest 1997, S. 162 ff.