5.2 Primärprävention als Querschnittsaufgabe der schulischen Gesundheitsförderung

Gewaltprävention, Prävention sexuellen Missbrauchs, Verkehrserziehung, Aidsprävention, Gesundheitserziehung in der Schule durch Sport, Gesunde Ernährung, Arbeitskreis Zahngesundheit, Fragen nach Gesundheit und  Leben in den Fächern Ethik und Religion und die Suchtprävention gehören zur schulischen Gesundheitsförderung. In den Schulen werden diese Bereiche unterschiedlich intensiv bearbeitet. In machen Schulen gibt es in allen Arbeitsbereichen Aktivitäten von einzelnen Mitgliedern des Kollegiums. In anderen Schulen gibt es nur vereinzelte Aktivitäten in wenigen der genannten Arbeitsbereiche.

Es gibt kaum eine Schule, in der es überhaupt keine Aktivitäten zur Gesundheitsförderung gibt.

Auffallend ist, dass bisher an den wenigsten Schulen ein Konzept der Gesundheitsförderung entwickelt wurde, in dem die verschiedenen Arbeitsbereiche integriert sind und gemeinsame Zielsetzungen im Sinne der Gesundheitsförderung im Rahmen des Schulprogramms entwickelt wurden.

Von daher verwundert es nicht, dass in manchen Schulen in den genannten Bereichen ohne Kenntnis davon gearbeitet wird, dass die jeweiligen Ziele der verschiedenen Arbeitsbereiche in ihren Grundlagenteilen vergleichbar bis identisch sind. In allen Bereichen geht es in diesem Teil um Zielsetzungen, die sich auf die Vermittlung von Kompetenzen wie Kommunikationsfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Kontaktfähigkeit, Ich-Stärke und um die Fähigkeit, mit Enttäuschungen und Versagungen fertig zu werden, richten.

Hier gleichen sich die Ansätze auch in ihren Unterrichtshilfen, den Methoden und den Anregungen zur Schulgestaltung. Diese Grundlagenteile zielen unabhängig voneinander auf die Förderung und Stärkung der Handlungskompetenz der Schülerinnen und Schüler; sie entsprechen damit dem gesundheitsfördernden Auftrag der Schule.

Es macht Sinn, dass der im Schulalltag zu realisierende Erziehungs- und Bildungsauftrag aller Lehrerinnen und Lehrer durch spezielle Arbeitsbereiche, Verfahren und Methoden gestützt und gestärkt wird.

Die Wirksamkeit der einzelnen Arbeitsbereiche und damit auch der Suchtprävention könnte allerdings - mindestens in größeren Schulsystemen - erhöht werden, wenn die einzelnen Arbeitsbereiche mit dem Ziel gemeinsam geplanter und abgestimmter schuljahrsbezogener Aktivitäten vernetzt werden.

Voraussetzung dafür wäre, dass es den unterschiedlichen Arbeitsbereichsvertretern der Gesundheitsförderung unabhängig von weitergehenden, spezifischen Zielsetzungen gelingt, ihre Grundlagenarbeit als Querschnittsaufgaben in einem gemeinsamen Gesundheitsförderungskonzept zu definieren.

Für ein integriertes Vorgehen bietet das Konzept der schulischen Gesundheitsförderung handlungsanleitende Orientierungen und Begründungen (vgl. Landesinstitut für Schule und Weiterbildung (Hrsg.): 1998). Seit dem Jahr 2000 arbeiten Schulen in dem Netzwerk OPUS (Offenes Partizipationsnetzwerk und Schulgesundheit) nach diesen Anregungen daran, das gesundheitsförderliche Profil ihrer Schule zu entwickeln.

Die gemeinsame Grundlage für alle Arbeitsbereiche der schulischen Gesundheitsförderung kann das von der Weltgesundheitsorganisation im Rahmen der Ottawa - Charta entwickelte Gesundheitsverständnis sein, was sich als dynamische Balance der produktiven Verarbeitung von äußeren und inneren Anforderungen sowie der Verwirklichung selbst bestimmter Wünsche, Anliegen und Hoffnungen definiert (vgl. Paulus, P. (Hrsg.): (S. 17 - 22).

Von den Gesundheitswissenschaften sind mittlerweile eindeutig die Faktoren bestimmt worden, die es den Personen ermöglichen, eine solche dynamische Balance aufrecht zu erhalten. (vgl. Waller, H.: 1995).

Am bekanntesten sind die salutogenen Faktoren geworden, die Aaron Antonowsky in seinem Konstrukt des „Kohärenzgefühls" zusammen gefasst hat. Er beschreibt darin drei Faktoren, die inzwischen von vielen Forschern als die zentral bedeutendenden für die psychische Gesundheit angesehen werden:

  • Verstehbarkeit umschreibt das Ausmaß, in dem die Reize und Situationen, mit denen eine Person alltäglich konfrontiert wird, Sinn machen und von ihr kognitiv als klare, geordnete Information verstanden wird.
  • Bewältigbarkeit meint das Ausmaß, in dem eine Person die Anforderungen, die auf sie zukommen, mit den ihr verfügbaren Ressourcen als bewältigbar wahrnimmt.
  • Sinnhaftigkeit bezieht sich auf das Ausmaß, in dem das eigene Leben emotional als sinnvoll erlebt wird und die Probleme und Anforderungen des Lebens als solche erlebt werde, für die es sich einzusetzen lohnt (vgl. Antonowsky, A.1979). Danach erscheinen die folgenden psychischen Ausstattungen geeignet, in Stress- und Konfliktsituationen ohne Kontrollverlust handeln zu können:
  • Zuversicht als überdauernd hoffnungsvoll-zuversichtliche Lebenseinstellung,
  • Internale Kontrollüberzeugung als Überzeugung, wichtige Ereignisse im Leben selbst beeinflussen zu können,
  • Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl als Überzeugung, wirkungsvoll Problemsituationen bewältigen zu können,
  • Unbekümmerte Selbsteinschätzung, d.h. ohne emotionale Verunsicherung mit Veränderungen umgehen zu können,
  • Interpersonales Vertrauen als Vertrauen auf Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit anderer Menschen.

Aaron Antonowskys Konstrukt des Kohärenzsinns könnte die Zielfolie bilden, auf der die verschiedenen Arbeitsbereiche gemeinsam und abgestimmt ihre allgemeinen Gesundheitsförderungsaktivitäten planen. Synergieeffekte könnten dadurch entstehen, dass das Schuljahr in inhaltlicher und zeitlicher Hinsicht geplant, Dopplungen vermieden und situationsbezogen Schwerpunke gesetzt werden. Grundsätzlich gilt das für alle Aktivitäten, die im Bereich der schulischen Gesundheitsförderung geplant sind. Die Notwendigkeit abgestimmten Handelns wird besonders bei außerunterrichtlichen Aktivitäten deutlich, die auf die Schaffung und Bereitstellung alternativer Angebote als Soziale Lern- und Erfahrungsfelder abstellen und den Transfer in die konkreten Lebenszusammenhänge ermöglichen sollen.

Die Gestaltung von Klassenfahrten und die Gestaltung von Schulfesten mit dem Schwerpunkt des sozialen Lernens, die Gestaltung der Schule, des Klassenraums und des Schulgeländes im Hinblick auf die individuellen und sozialen Bedürfnisse der Lernenden sind allgemein gesundheitsförderliche Aktivitäten. Ihr Gelingen hängt maßgeblich davon ab, ob diese Aktivitäten fest im Schulalltag verankert sind und von - zumindest - einem Teil des Kollegiums mit getragen werden. Die Akzeptanz solcher Maßnahmen im Kollegium wird beträchtlich erhöht, wenn diese nicht nur von einzelnen Lehrerinnen und Lehrern, sondern von einem Team getragen werden.