5.1 Primärprävention als Erziehungsauftrag aller Lehrerinnen und Lehrer

Die Schule muss die vielfältigen Auslöser und Verstärker von Suchthaltungen und süchtigem Verhalten außerhalb ihres Verfügungsbereichs nicht verantworten, sondern kann nur versuchen, mit ihren pädagogischen Mitteln dagegen zu arbeiten. Ihr Verhältnis zu möglichen Ursachen und Verstärkern von Suchthaltungen, soweit sie im eigenen Verfügungsbereich liegen, muss sie dagegen in primärpräventiver Hinsicht eingehend undggf. auch selbstkritisch betrachten.

Schule ist häufig mit nachhaltigen Problem- und Konflikterfahrungen verbunden, denen sich die schulische Vorbeugungsarbeit stellen muss. Leistungsbewertung, die Bedeutung schulischer Abschlüsse auf dem Arbeitsmarkt, Konfliktregelungen und Ordnungsmaßnahmen - diese und viele andere einzelne Elemente der Schule können sich für viele Schülerinnen und Schüler mit Erlebnissen von Angst, Versagen, Unsicherheit und Ohnmacht verbinden.

Aus suchtpräventiver Sicht ist die aktive und konstruktive Auseinandersetzung mit solchen Erlebnissen und ihren Ursachen eine wichtige Aufgabe - nicht nur für Schülerinnen und Schüler. Auch Lehrerinnen und Lehrer müssen in der Lage sein, ihre Arbeitsfelder in diesem Sinne kritisch zu betrachten und sich selbst als Beteiligte und Betroffene zu erkennen.

Die suchtpräventive Bedeutung der Schule als Konfliktraum für viele Schülerinnen und Schüler wird durch empirische Untersuchungen belegt, nach denen Problembelastungen signifikante Einflüsse auf das Suchtverhalten Heranwachsender haben und nach denen besonders alkoholgefährdete Jugendliche und Konsumenten illegaler Drogen höhere Schulversagensquoten aufweisen und über Schul- und Arbeitsbelastungen sowie über Schwierigkeiten mit Lehrern, Ausbildern und Eltern klagen (vgl. Institut für Jugendforschung (Hrsg.) 1981).

Schüler/innen tendieren gegenüber ihren großen und kleinen Schulproblemen häufig zu Ausweich- und Ersatzhandlungen. Ob sie auf diese Weise vorhandene oder entstehende Suchthaltungen verstärken oder ob sie beim aktiven Umgang mit ihren Schwierigkeiten, Ängsten und Unsicherheiten beraten und unterstützt werden, ist eine Frage, die alle Lehrer/innen betrifft. Werden z. B. mangelnde Motivation oder Leistungsabfall bei Schüler/innen nur als Probleme ihres Lernverhaltens verstanden und mit entsprechenden didaktisch-methodischen Mitteln aufgearbeitet, kommen die möglichen außerunterrichtlichen Ursachen dieser Schwierigkeiten gar nicht in den Blick und spielen bei der Hilfe für die betreffenden Schülerinnen und Schüler auch keine Rolle.

Bei Störungen des Lernverhaltens können verstehende und beratende Haltungen der Lehrerinnen und Lehrer häufig wichtiger und erfolgreicher sein als besondere unterrichtliche Maßnahmen. Pädagogisches Handeln und Unterricht sind gleichwohl eine Einheit, in der bei Auffälligkeiten und Konflikten Beratungsaspekte allerdings bedeutsamer sein können.

Der Schüler/die Schülerin erlernt nicht nur im Unterricht der verschiedenen Fächer Inhalte, Methoden und entwickelt Fertigkeiten, sondern baut auch ein emotionales Verhältnis zu „seiner"/"ihrer" Schule auf, begreift mit der Schulumwelt und deren Auswirkungen und Bedingungen seine/ihre eigene Lebenswelt und wird durch dieses Zusammenspiel vielfältiger Prozesse und Entwicklungen geprägt. Daher kann man sich bei der notwendigen Frage nach der Schülerorientierung der Schule nicht allein auf den Unterricht beschränken, sondern muss die gesamte Lebenswirklichkeit im Blick haben.

Schule, die sich auf diese Weise um Schülerorientierung bemüht, strebt die Befähigung der Schüler/innen zur emotionalen sowie zur Sach- und Handlungskompetenz an (vgl. Bäuerle, D. 1981. S. 73). Dieser Anspruch ist nicht neu, sondern in Schul-, Unterrichts und Erziehungstheorie vielfach dargestellt und in der Schulwirklichkeit auch vielfach eingelöst worden. Im suchtpräventiven Zusammenhang sind diese Kompetenzen von besonderer Bedeutung, da sie sich auf die Schülerin und den Schüler als Gesamtpersönlichkeit beziehen und nicht nur auf ihr Lernverhalten.

Emotionale Kompetenz meint die Fähigkeit, Emotionen in Abwägung eigener und fremder Rechte verantwortlich zu leben. Emotionale Kompetenz ist eine wichtige Voraussetzung bei der Erlangung sachlicher Kompetenz in den einzelnen Unterrichtsfächern. Emotionale und Sachkompetenz sind Bedingungen selbstbewussten und verantwortlichen Handelns.

Um Schüler/innen das Erlernen dieser Fähigkeiten zu ermöglichen, sollten ihnen umfassend Gelegenheiten zur aktiven, selbständigen und eigenverantwortlichen Beteiligung an der Gestaltung des Schullebens sowie von Unterricht und Erziehung gegeben werden.

Dadurch sind viele überflüssige Abhängigkeiten vermeidbar, die bei Schüler/innen Motivationsprobleme, Angst, Versagens- oder Ohnmachtsgefühle auslösen können. Die Schule soll damit nicht etwa zu einem problem- und konfliktfreien Schonraum gemacht werden, der im Interesse der Heranwachsenden weder erstrebenswert ist noch erreichbar wäre. Vielmehr geht es darum, Schülerinnen und Schüler in einem positiven Lern- und Vertrauensklima („Sozialklima der Schule") zum selbstbewussten, verantwortlichen und angemessenen Umgang mit schulischen Ansprüchen und eigenen Schwierigkeiten zu befähigen.