2.2 Suchthaltungen und süchtiges Verhalten

Sucht zeigt sich als latente Suchthaltung und als manifestes süchtiges Verhalten. Süchtiges Verhalten mit Krankheitswert liegt vor, wenn dieses nicht mehr nur angesichts einer Flucht- oder Unwohlsein eintritt, sondern zu einem eigendynamischen, zwanghaften Verhalten wird, das sich selbst organisiert hat und sich rückhaltlos beständig zu verwirklichen sucht.

Im Hinblick auf innere Spannungen, auf Konflikte im eigenen sozialen Umfeld und auf gesellschaftliche Herausforderungen können Menschen unterschiedlich reagieren: Möglich sind selbstverantwortliche, mündige und ggf. solidarische Verhaltensweisen oder auch Ausweich- und Fluchtverhalten und mehr oder weniger bedingungslose Anpassung an die Erwartungen von außen.

Je mehr Menschen lernen, selbstbewusst und problembezogen zu handeln, je mehr sie dauerhaft lernen, Probleme und Konflikte als Bestandteile ihres Lebens zu akzeptieren und zu bearbeiten, um so besser werden sie mit ihren großen und kleinen Alltagssorgen umgehen können. Sie entlasten sich entweder durch die Lösung anstehender Probleme oder dadurch, dass sie autonom mit ihnen leben, ohne sich von ihnen beherrschen zu lassen; denn nicht alle Probleme sind lösbar.

Demgegenüber beseitigen Menschen, die hauptsächlich gelernt haben, sich Außenerwartungen weitgehend anzupassen, und die möglichst alle oder bestimmte Konflikte in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Schule ständig zu vermeiden suchen, ihre Schwierigkeiten nur scheinbar bzw. gar nicht. Sich Anpassen, Ausweichen und Flüchten kann zu immer neuen Belastungen führen, da die Schwierigkeiten nicht ausgeräumt sondern nur vermieden und die Spannungsgefühle eines ungelösten Konfliktes dadurch eher vertieft werden. Anstatt dauerhafte Entlastung durch Problemlösung herbeizuführen, erzwingt ein solches Ausweichverhalten beständig neue Anpassungsleistungen und nur kurzfristiges Wohlbefinden.

Wird die konstruktive Bearbeitung von kleinen und großen Lebensproblemen immer wieder unterlassen, führt der anhaltende bzw. verstärkte Problemdruck zu neuen Spannungs-, Unlust- oder sogar zu Katastrophengefühlen. Wenn Menschen nicht gelernt haben, Schwierigkeiten überhaupt und ihre Bewältigung als Teile ihres Lebens zu akzeptieren und mit ihnen umzugehen, können sie zu Ausweichhandlungen tendieren, die dann die Konflikte und die mit ihnen verbundenen Belastungen und Leiden durch Lustgefühle von Zufriedenheit und Entspannung überdecken sollen. Ziel solcher Ausweichhandlungen ist das „feeling", die emotionale Illusion: Alles ist gut und wunderbar.

Dieses „feeling" kann auch das Ziel von Ersatzhandlungen sein, mit denen unerträgliche Minderwertigkeitsgefühle, der Verlust einer Sinnperspektive für das eigene Leben oder unerfüllte Sehnsüchte nach Geborgenheit, Sicherheit und Freundschaft zugedeckt werden. Verlangen nach Gewalt- und Horrorfilmen, übermäßiges Essen und Trinken, sich in Arbeit überstürzen, bedingungslose Anpassung gegenüber Vorgesetzten, Gier nach Süßigkeiten, überzogene Kauflust etc. können Ausdruck von Ausweich- oder Ersatzhandlungen und damit von Suchthaltungen oder gar von süchtigem Verhalten sein. Je nach Verfügbarkeit von Stoffen, wie z.B. Alkohol oder Medikamenten kann das Suchtverhalten auf Drogen ausgedehnt werden oder mit Drogen beginnen.

Suchthaltungen als Folgen von mangelndem Selbstvertrauen und Minderwertigkeitsgefühlen, von Verantwortungsscheu und Problemangst werden meist in Kindheit und Jugend erlernt. Ursachen entstehender Suchthaltungen können darin liegen, dass Heranwachsenden wenig Möglichkeiten eingeräumt werden, ihre Identität in Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt zu entwickeln, weil ihnen von Eltern, Lehrern und Ausbildern zu viel erspart und abgenommen oder zuviel zugemutet worden ist. Vorbildwirkungen sowie bewusste und unbewusste Identifizierungswünsche von Kindern und Jugendlichen gegenüber Erwachsenen können außerdem eine große Rolle bei der Entstehung von Suchthaltungen spielen.

Wenn sich die Tendenzen zu Ausweichverhalten und Ersatzhandlungen dauerhaft verfestigen, kann aus Suchthaltungen manifest süchtiges Verhalten werden - besonders bei außergewöhnlichen Belastungen und Konflikten, wie z. B. Schulversagen, Außenseiterstellung in der Schulklasse, Jugendarbeitslosigkeit, Bruch mit Freunden oder Freundin.

Die Schule muss die vielfältigen Auslöser und Verstärker von Suchthaltungen und süchtigem Verhalten außerhalb ihres Verfügungsbereichs nicht verantworten. Ihr Verhältnis zu möglichen Ursachen und Verstärkern von Suchthaltungen, soweit sie im eigenen Verfügungsbereich liegen, muss sie dagegen eingehend und ggf. auch selbstkritisch betrachten. Viele der hieraus entstehenden Aufgaben kann die Suchtprävention nur im Rahmen von Querschnittsaufgaben im Verein mit anderen schulischen Präventions- und Gesundheitsförderungsaktivitäten erfolgreich wahrnehmen.