2.1 Vermeidbare und nicht vermeidbare Abhängigkeiten

Die meisten Abhängigkeitsbeziehungen haben zunächst überhaupt keine Bedeutung für die Prävention. Jeder Mensch ist naturgemäß davon abhängig, sich zu ernähren, zu schlafen und Austausch mit anderen Menschen zu haben. Jedes Kleinkind ist elementar von seinen Eltern oder anderen Personen abhängig. Alle Menschen unserer Gesellschaft stehen als Schülerinnen/Schüler, Studentinnen/Studenten, Arbeitnehmerinnen/Arbeitnehmer, Rentnerinnen/Rentner, Patientinnen/Patienten, Vereinsmitglieder oder Verkehrsteilnehmerinnen/Verkehrsteilnehmer in vielfältigen Abhängigkeitsverhältnissen zu anderen Personen, Gruppen, Einrichtungen und Normen ihrer näheren und weiteren sozialen Umwelt. Abhängigkeiten sind selbstverständliche Angelegenheiten unseres Lebens.

Was auf den ersten Blick als selbstverständlich erscheint, kann sich bei genauerem Hinsehen aber als zweifelhaft erweisen. Es gibt unvermeidliche und vermeidbare, notwendige und überflüssige Abhängigkeiten. Essen und trinken muss jeder. Aber „Fresssucht" und Alkoholismus sind vermeidbare Abhängigkeiten. Zahlreiche Menschen sind nicht in der Lage, mit unvermeidlichen Abhängigkeiten autonom umzugehen. Das Essen, für die meisten Ernährung und in dieser Gesellschaft auch lustvoller Genuss, kann zwanghaftes Verhalten werden, um ein bestimmtes Völlegefühl zu erreichen. Nicht das Sattwerden, sondern das „feeling" dieses Völlegefühls kann zum heimlichen oder offenen Ziel des Essens werden. Solche zwanghaften Esser zum Beispiel können mit alltäglichen Abhängigkeiten ihres Lebens nicht richtig umgehen. Sie geraten in zusätzliche, überflüssige Abhängigkeiten von an sich normalen Stoffen und Tätigkeiten, an denen sie genauso zugrunde gehen können wie an Heroin oder Alkohol.

Diese Gefährdungen gehen nicht vorrangig vom Essen und Trinken, von Ehe und Freundschaft oder vom Stammtisch aus. Nicht der Stoff, das Verhalten, die Beziehung und die Bezugspersonen oder die besonderen Situationen sind hier Gefahrenursachen, die alle bekämpft werden müssten. Das Gefährdungspotential liegt vielmehr in der psychosozialen Abhängigkeit von einem illusionierenden Lebensgefühl, in dem unbezwingbaren Verlangen nach einem „feeling", das die Flucht aus der meist quälenden Wirklichkeit ermöglicht. Dieser übermächtige Drang, von dem Menschen physisch und psychisch abhängig werden können und der sich auf vieles richten kann, auch auf Drogen, heißt Sucht.