1.2 Kontext der Suchtprävention

Bei der Suche nach einer pädagogisch verantwortlichen Suchtvorbeugung stellt sich in den letzten Jahren immer mehr die Frage nach dem Kontext der Suchtvorbeugung: Einerseits wird die Gefährdungsprävention im Sucht- und Drogenbereich zu Recht ganzheitlich verstanden, andererseits wird aber auch mehr und mehr nach dem Spezifikum der Suchtvorbeugung in Abgrenzung zu anderen schulischen Ansätzen der Gesundheitserziehung und Gesundheitsförderung wie Gewaltprävention, Prävention sexuellen Missbrauchs, der Aidsprävention und gesundheitsfördernden Aktivitäten aus dem Bereich des Sports, der Ernährung und den Sinn vermittelnden Unterrichtsangeboten aus Fächern wie Ethik und Religion gefragt.

Vielfach ist zu beobachten, dass alles, was in irgendeiner Weise zur Persönlichkeitsentwicklung und -stärkung der Kinder und Jugendlichen beiträgt, zur Identitätsfindung und Sinngebung im menschlichen Leben verhilft, auch gleichzeitig als Suchtvorbeugung verstanden wird. "Gute Pädagogik ist zugleich auch gute Suchtvorbeugung" - so lautet ein oft gehörtes Motto.

Unbestreitbar ist, dass Suchtvorbeugung in der Schule immer auch Gesundheitserziehung und -förderung sowie pädagogisch verantwortliches Handeln bedeutet. Das Fundament der Suchtprävention, das mit dem Fachbegriff „Primärprävention" bezeichnet wird, gehört zum Erziehungsauftrag der Schule und ist damit verpflichtender Handlungsauftrag für alle Lehrerinnen und Lehrer. Die sich hieraus ergebenden Aufgabenfelder gehören zudem zu den gesundheitsfördernden Querschnittsaufgaben, an denen die Suchtprävention mit anderen schulischen Ansätzen gemeinsam beteiligt ist.

So sehr berechtigt ist, eine gesunde und mitmenschliche Lebensgestaltung als präventionsfördernd zu verstehen, so darf in der Diskussion um Gesundheitserziehung und - förderung das Spezifikum der Suchtprävention nicht aus dem Blick geraten. Sucht- und Drogenvorbeugung kann nicht generell mit pädagogischem Handeln gleichgesetzt oder gar durch eine pädagogische Konzeption, die nicht mehr ausdrücklich auf Sucht- und Drogengefährdungen hinweist, ersetzt werden. Der spezifische Ansatz der Suchtvorbeugung wird im nächsten Kapitel genauer dargestellt. Er liegt stets in der Antizipation künftiger Gefahren für Kinder und Jugendliche, aus der sich dann gefährdungsvermeidende Maßnahmen ergeben, die man nicht generell mit  pädagogischem Handeln oder mit Gesundheitserziehung und -förderung gleichsetzen kann.

Eine Bestandsaufnahme der schulischen Suchtprävention zeigt die zahlreichen und intensiven Bemühungen vieler Lehrerinnen und Lehrer auf, verdeutlicht aber auch, dass es den in den weiterführenden Schulen eingesetzten Beraterinnen und Beratern für schulische Sucht- und Drogenprävention häufiger noch nicht ausreichend genug gelungen ist, die Suchtprävention im Schulalltag durch Hineinnahme in das Schulprogramm fest zu verankern. An manchen Schulen ist dies geschehen. Hier erklären Schülerinnen, Schüler und Eltern, dass sie sich ausreichend informiert fühlen und bei Fragen und Problemen Ansprechpartner im Kollegium finden. An anderen Schulen gibt es allerdings weiterhin eine Verdrängung der Problemlage und noch zu wenig systematische suchtpräventive Aktivitäten während des Schuljahres. Hier fällt auf, dass es den Beraterinnen und Beratern für Suchtvorbeugung in der Regel nicht ausreichend gelungen ist, ihre Aufgaben mit den gesundheitsfördernden Aktivitäten anderer Kolleginnen und Kollegen zu vernetzen. Die Isolierung der Beraterinnen und Berater ist allerdings kontraproduktiv, da im Zusammenhang der Schulprogrammarbeit die schulische Suchtprävention nur in einem auf Gesundheitsförderung ausgerichtetem Team weiterer Kolleginnen und Kollegen erfolgreich umgesetzt werden kann. Teamarbeit funktioniert aber erst dann, wenn sich die Teammitglieder auf gemeinsame Zielsetzungen einigen können, für die sie jeweils eigene, spezifische Beiträge einbringen können.

Mit der Integration in den Zusammenhang der schulischen Gesundheitsförderung kann die Suchtprävention im normativen und handlungspraktischen Sinn neue Orientierungen und Begründungs- und Ableitungszusammenhänge für ihr praktisches Tun finden, die die Frage nach dem WOZU und dem WOHIN der Suchtprävention eindeutig beantworten (vgl. Bundesministeriums für Gesundheit (Hrsg.). 1993 S. 33f), welche die noch zu häufig auftretende Isolierung der Beraterinnen und Beratern für Suchtprävention an den Schulen aufheben, zu gemeinsamen Teamentwicklungen mit anderen Vertretern schulischer Gesundheitserziehung/ Förderung (Sport, Gewaltprävention, Ernährung, Ethik etc.) führen und dabei erfolgreich Voraussetzungen für gelingende Schulprogrammarbeit schaffen.