Zur Bedeutung schulischer Gesundheitsförderung
Warum schulische Gesundheitsförderung heute wichtig ist

Die Auflösung traditioneller Bindungen an Herkunft und vorgegebene Rollen geht einher mit zunehmender Individualisierung, die einerseits grösser Chancen bei der persönlichen Lebensgestaltung eröffnet, andererseits aber mit Gefährdungen und Risiken verbunden ist, die deutliche Folgen für die Gesundheit der Kinder und Heranwachsenden haben. Veränderungen und Umbrüche der Familienformen durch rückläufige Eheschließungszahlen und ansteigende Scheidungsziffern haben dazu geführt, dass bald 20 Prozent aller Kinder nur noch mit einem allein erziehenden Elternteil aufwachsen. Die ausserhäuslich Erwerbstätigkeit dieser allein erziehenden Eltern oder die Berufstätigkeit beider Elternteile sind für die betroffenen Kinder mit hoher Instabilität der familiären Betreuungsstruktur verbunden.

In vielen Familien ist angesichts dieser Entwicklungstendenzen die erforderliche körperliche, seelische und soziale Betreuung von Kindern und Jugendlichen nicht mehr zureichend gesichert. Die Entwicklung einer stabilen Persönlichkeit und Identität wird ihnen weiterhin erschwert durch die Vielfalt möglicher Wertorientierung und durch eine Flut kommerziell gesteuerter Freizeit- und Konsummöglichkeiten. Schließlich stellen die verschiedensten Umweltgefährdungen Bedrohungen dar, die in Verbindung mit den anderen Risikoentwicklungen Ausdruck der besonderen Gefährdungen von Heranwachsenden in der Gegenwart sind. Mehr als frühere Generationen werden Kinder und Jugendliche Risiken ausgesetzt, die sie seelisch und sozial überfordern und die zu psychosozialen und zu psychosomatischen Störungen, zu Orientierungskrisen, zu Krankheit und Sucht führen können. Das gilt allem Anschein nach für Heranwachsende in den neuen Bundesländern noch stärker und zugespitzter als für Kinder und Jugendliche in der alten Bundesrepublik.

Lehrkräfte erfahren in ihrer alltäglichen Arbeit die Folgen gesellschaftlicher und kultureller Veränderungen und Brüche unmittelbar. Zur Alltagsarbeit gehört, einen Teil der Kinder und Jugendlichen immer häufiger aus ihren "internen Rückzugstendenzen" zurückzuholen, durch übermäßige Medienkonsum verursachte Aufmerksamkeitsdefizite auszugleichen, motorisch hyperaktiven Kindern Konzentrations- und Ruhephasen zu verschaffen und gewalttätigen Schülerinnen und Schülern Einhalt zu gebieten und sie wieder in die Lage zu versetzen, ihren Gefühlen sozial verträglichen Ausdruck zu verleihen. Kein Zweifel, dass heute alle Lehrkräfte sehr viel deutlicher als früher ihre Erziehungsaufgaben wahrnehmen und annehmen müssen, wenn sie erfolgreich unterrichten wollen. Anfang der 90er Jahre hat die Kultusministerkonferenz (KMK) die Gesundheitserziehung in allen Bundesländern zu den wesentlichen Aufgaben des Bildungs- und Erziehungsauftrags der Schule gezählt. Gegen Ende dieses Jahrzehnts weisen die Zeitsignaturen darauf hin, dass das Thema Gesundheit weit über die Jahrtausend-Wende hinaus aktuell bleiben und sich eher noch drängender als bisher als Aufgabe von Unterricht und Schulgestaltung stellen wird. Kein Zweifel aber auch, dass die traditionellen Ansätze der Gesundheitserziehung den heutigen und zukünftigen Aufgaben der Schule nicht mehr genügend gerecht werden.

Bei der Frage nach den Chancen der Lehrkräfte, in ihrer Schule zur Gesundheit der Kinder und Heranwachsenden beizutragen, muss zunächst einmal berücksichtigt werden, dass die Schule vom Auftrag und Leistungsvermögen her nicht für die Vielzahl gesellschaftlich defizitärer Entwicklungen kompensatorisch aufkommen kann. Die Schule hat es jetzt mit Problemen zu tun, die nicht mehr nur einzelne Problemschüler bzw. Schülergruppen betreffen, sondern als Ausdruck kultureller Lebensweisen Elemente im Lebensvollzug von immer mehr Schülerinnen und Schülern sind. Hinzu kommt eine zunehmend häufigere, verdeckte bis offene, gleichzeitig in sich widersprüchliche Delegation elterlicher Erziehungsaufgaben an die Schule. Aktuelle budgetäre Einschränkungen der Schulmittel-Ausstattungen, Veränderungen der Lehrer-Schüler-Relation und die "Überalterung" der Lehrerkollegien erschweren die Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte weiter. Die existenzielle Bedrohung vieler Lehrkräfte in den neuen Bundesländern stellt eine zusätzliche, aussergewöhnliche und in ihren Auswirkungen im Lehrerbewusstsein der alten Bundesländer kaum fassbare Größe dar.

Vor diesem Hintergrund nach dem gesundheitsfördernden Beitrag der Schule zu fragen, könnte mutlos machen, lägen nicht gleichzeitig zahlreiche Beispiele gesundheitsförderlicher Lern- und Arbeitsplatzgestaltung von Schulen vor. Diese Beispiele zeigen, wie Lehrkräfte mit der jeweiligen Schulleitung tradierte Lehrerrollen-Verständnisse reflektieren, neue Berufsleitbilder entwickeln und ein neues, integrativ-ganzheitliches Verständnis von Gesundheit zur Grundlage einer konsequenten Gestaltung von Unterricht und Schulleben nutzen. Hier ist den Lehrkräften bewusst, dass das, was im Augenblick als zusätzliche (Reform-)Arbeit wegen zu grosser Belastung zurückgewiesen wird, zu häufig als alltägliche Belastung der Erziehungs- und Unterrichtsarbeit auf jeden Einzelnen vielfach zurückschlägt. Traditionell, allein oder doch hauptsächlich auf Wissensvermittlung setzende Gesundheitserziehungs-Konzepte, die durch Information und Abschreckung im Unterricht auf Krankheitsvermeidung zielten, sind längst als wirkungslos und schlimmstenfalls kontrafinal erkannt und abgesetzt worden. Aufgegeben wurde damit auch ein Rollenverständnis, nach dem die Pädagogen auf der Ebene eines (medizin-definierten) hierarchischen Experten-Laien-Verhältnisses bei der Verbreitung von populär-medizinischem Wissen mitzuwirken hatten. Analog zu diesem tradierten Rollenverständnis wurde dann auf der Unterrichtsebene das hierarchische Experten-Laien-Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern in Fragen der Gesundheit, meist in Form von Frontalunterricht, verlängert. Mit der Verbreitung von "neutralem" Faktenwissen (z. B. Aufbau der Organe, drastische Beschreibung von Auswirkungen gesundheitsschädigenden Verhaltens) wurde der Eindruck von Objektivität, Wertfreiheit und Neutralität vermittelt. Die gesundheitliche Aufklärung hierüber, überwiegend in Form passiven Informierens, wurde mit der Annahme verbunden, derart "richtig" aufbereitetes Wissen würde beim Schüler zu gesundheitsadäquatem Handeln führen.

Mit der Ersetzung des traditionell geltenden biomedizinisch-naturwissenschaftlichen Denkmodells durch ein integrativ-ganzheitliches Verständnis von Gesundheit und dem Konzept der Gesundheitsförderung im Sinne der Ottawa-Charta der Weltgesundheitsorganisation kann die schulische Gesundheitsförderung heute in ein komplementäres Verhältnis zum Bildungsverständnis und Bildungsauftrag der Schule gestellt werden. Wie der schulische Bildungsauftrag setzt die schulische Gesundheitsförderung auf Prozesse der Unterstützung, Befähigung und Ermöglichung und zielt auf emanzipatorische Akte der Teilhabe, Selbstbestimmung, Selbstverantwortlichkeit und Mitverantwortlichkeit. Leitend ist die Annahme, dass Gesundheit nicht "gegeben", sondern jeder Person, Gruppe und gesellschaftlichen Einrichtung "aufgegeben" ist, wobei jeder Einzelne (zumindest in Teilbereichen) aktiv gestaltend auf seine Gesundheit einwirken kann. Der aktiven Aneignung von gesundheitsbezogenen Überzeugungen und Strategien mit dem Ziel der Übernahme von Eigenverantwortlichkeit für gesundheitsförderndes Tun und Lassen entspricht die pädagogisch-geisteswissenschaftliche Auffassung von Bildung als lebenslanger Aneignungsprozess des Individuums durch eigentätige und reflexive Lernprozesse.

Neue Konzepte der schulischen Gesundheitsförderung haben nur dann Hoffnung auf Erfolg, wenn sie den Lehrkräften ebenfalls gesundheitsförderliche Gestaltungsmöglichkeiten für ihren eigenen Arbeitsplatz anbieten. Nur neue Forderungen und Aufgaben in einem immer länger werdenden schulischen Aufgabenkatalog, verursacht und ausgelöst durch gesellschaftliche Problemlagen, zu beschreiben, führt jedenfalls nicht weiter. Über die Ebene akklamatorischer Zustimmung hinaus bleiben solche Versuche ohne konkreten Niederschlag im schulischen Alltagshandeln. Den Arbeitsplatz der Lehrkräfte zentral mit einzubeziehen macht auch deshalb Sinn, weil nur diejenigen Lehrkräfte, die ihre eigene Gesundheit Ernst nehmen, Schülerinnen und Schülern gegenüber Vorbildfunktionen wahrnehmen können. Lehrkräfte, die gesundheitsrelevante Faktoren des Arbeitsplatzes Schule wahrnehmen, werden auch eher für die gesundheitsförderliche Gestaltung des Lernortes Schule zu gewinnen sein. Dabei reicht es nicht aus, Lehrkräften einfach "Modelle guter Praxis" aus anderen Schulen oder Theoriebeispiele anzubieten. Das was gut oder schlecht an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit, von anderen Personen mit anderen Bedingungen entwickelt wurde, kann in der Regel so an der eigenen Schule nicht übernommen werden, bleibt zumeist auch gutwilligen Interessierten so fremd, dass an der eigenen Schule eigene Wege mit eigenen Anstrengungen, Fehlern und Neuversuchen geplant und gegangen werden müssen. Zur Entwicklung schulischer Gesundheitsförderung ist auch mehr notwendig als ein paar Tips zur Entspannung auf Lehrer- und Schülerseite zu geben - obwohl auch diese dazugehören.

Wenn die Wege der schulischen Gesundheitsförderung über die Gestaltung des Unterrichts hinaus auf die Gestaltung der ganzen Schule zielen, sind für den Erfolg der Anstrengungen kooperative Arbeitsformen der Lehrerinnen und Lehrer einer Schule zwingend Voraussetzung. Letztlich gilt das auch schon für die Gestaltung des eigenen Unterrichts, soll dieser nicht immer wieder durch gegenteilige Erlebnisse und Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler in anderen Unterrichtsstunden infrage gestellt werden. In den selbstständiger werdenden Schulen wird auf Seiten der Lehrkräfte ein neues berufliches Selbstverständnis notwendig, dass das bisher geltende Berufsleitbild eines "Ich und meine Klasse" zu einem "Wir und unsere Schule" erweitert. Die "Schule der Zukunft" wird ihre Aufgaben nur in einer partnerschaftlichen Schulkultur bewältigen, in der sich Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler mehr als bisher wohl fühlen können. Wohl fühlen für Schülerinnen und Schüler zu ermöglichen bedeutet, Bedingungen dafür zu schaffen, dass diese ein Höchstmaß an fachlichen, sozialen und persönlichkeitsbildenden produktiven Lernerfahrungen in einer anregungsreichen, unnötigen Stress vermeidenden Lernatmosphäre machen können. Wohl fühlen für Lehrerinnen und Lehrer zu ermöglichen bedeutet, Bedingungen dafür zu schaffen, dass diese ihrem Bildungsauftrag in einer zunehmend unübersichtlicher werdenden Umwelt mit rasch wechselnden Aufgaben und Herausforderungen in einer selbstständiger werdenden Schule optimal entsprechen können. Für Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer muss es darum gehen, die stressbelastenden Faktoren zu mindern und die protektiven, gesundheitsfördernden Faktoren zu stärken. Die bisherige "Kultur der Vereinzelung" des Lehrerberufs steht dem diametral entgegen. Bedingungen für ein Wohlfühlen im zukünftigen Haus des Lernens zu schaffen, verlangt danach, sich die längst vorliegenden (auf Unternehmen bezogenen) Betriebsklima- und Organisationsentwicklungs-Erkenntnisse nutzbar zu machen, diese auf schulische Verhältnisse und Bedingungen zu übertragen bzw. spezifisch zu gestalten, um so dem pädagogischen Auftrag effektiv gerecht zu werden.

Gesundheitsförderung, eine Aufgabe der Schule

Die Schule kann sich nicht um alles kümmern. Gesundheit ist Privatsache und Gesundheitsförderung ist Sache der Eltern! Richtig! Die Schule ist nicht der Libero der Nation, die für die Vielzahl gesellschaftlicher Fehl-Entwicklungen aufkommen kann. Trotzdem - die Schule ist eine der wichtigsten Sozialisationsinstanzen für Kinder, die hier ab dem 6. Lebensjahr 40 - 60 Prozent ihrer Zeit verbringen. Neben dem Bildungsauftrag hat die Schule aber auch einen Erziehungsauftrag - nicht zuletzt in ihrem eigenen Interesse. Die Schule ist Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen und muss sich diesen gleichzeitig stellen, wenn sie als System so funktionieren will, dass sich alle Beteiligten wohlfühlen und ihre bestmöglichen Leistungen erbringen können. Wir können zudem nicht davon ausgehen, dass alle Eltern über ausreichende Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen, um ihre Kinder in ihrer Entwicklung gesundheitsfördernd zu unterstützen. Hier kommt der Schule Verantwortung zu. Die Gesundheitsförderung will bei allen an der Schule Beteiligten die Eigenkompetenzen in Gesundheitsfragen stärken, sie befähigen, bewusst gesund zu leben und sich dementsprechend zu verhalten. Aber auch hier gilt: Ohne die Unterstützung durch die Eltern geht es nicht. Gesundheitsförderung ist die gemeinsame Arbeit der Eltern und der Schule.   Wieder etwas Zusätzliches, Neues, anstatt die wirklichen Probleme anzugehen wie Klassengrößen, Disziplinarprobleme, Ausländeranteile, etc. Es stimmt, die Schule ist in Bewegung und gleicht einer dauernden Baustelle und nun soll sie auch noch für die Gesundheit der SchülerInnen zuständig sein. Das Konzept der Gesundheitsfördernden Schule stellt aber weniger die SchülerInnen in den Mittelpunkt, sondern die Schule als Organisation, d.h. als Arbeitsplatz und Lebensraum, die sich im Zusammenwirken der Menschen, die in ihr arbeiten, lernen und leben, entwickelt. Gesundheitsförderung zielt deshalb auf eine prozesshafte Steuerung und Entwicklung der eigenen Schule. So gesehen bedeutet Gesundheitsförderung nicht ein zusätzlicher Auftrag, sondern viel mehr die Auseinandersetzung mit den vorhandenen Gegebenheiten und ein gemeinsames Suchen und Finden von Lösungen bei der Bewältigung alltäglicher Aufgaben.  

Der Schule werden immer neue Aufgaben aufgebürdet. Es reicht jetzt. Sich zusätzlich auch noch um Gesundheit kümmern zu müssen, bringt die Lehrkräfte endgültig an den Rand ihrer Kräfte. Gerade wegen der zunehmenden Belastung der Lehrkräfte ist Gesundheit ein bedeutendes Thema. Die Gesundheitsfördernde Schule will nicht nur die Gesundheit der SchülerInnen fördern, sondern will, dass sich alle Beteiligten in ihrer Schule wohlfühlen - also auch die Lehrpersonen. Viele Gesundheitsfördernde Schulen legen in der ersten Phase ihrer Arbeit den Focus auf die Verbesserung der Gesundheit der SchülerInnen. Im Laufe der Zeit besinnen sie sich zunehmend auch auf ihre eigene Befindlichkeit. Und das macht Sinn. Nur Lehrkräfte, die ihre eigene Gesundheit Ernst nehmen und sich an ihrem Arbeitsplatz wohlfühlen, können ein gesundheitsförderndes Unterrichtsprinzip entwickeln und sind für die gesundheitsförderliche Gestaltung des Lernortes Schule zu gewinnen. Beides wirkt sich seinerseits positiv auf die Befindlichkeit der SchülerInnen aus. Fragen des Miteinanders im Kollegium, der Teamentwicklung, des Umgangs mit schwierigen Situationen, des achtungsvollen Umgangs mit SchülerInnen sowie des Schulklimas sind relevant. Gesundheitsförderung ist Teil der Schulentwicklung und verhilft dieser da und dort zu mehr Fleisch am Knochen.

Gesundheitsförderung in der Schule bringt eh nichts. Die zunehmende Zahl der rauchenden und trinkenden Kids, der KifferInnen und der SchulschwänzerInnen zeigt dies doch deutlich. Diese Behauptung ist genauso schwierig zu beweisen wie sie zu widerlegen ist, wissen wir doch nicht, ob die Zunahmen nicht noch schlimmer wären, wenn es keine Gesundheitsförderung gäbe. Prof. Dr. med. Jean Claude Vuille hat die seit rund 10 Jahren bestehenden Gesundheitsteams an den Stadt-Berner Schulen auf ihre Wirksamkeit betr. Tabak, Alkohol und Drogen evaluiert (1999) und konnte feststellen, dass ein direkter Zusammenhang zwischen einem guten Schulklima und dem verminderten Konsum von Suchtmitteln besteht. Diesen Zusammenhang bestätigt auch die Studie der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme aus dem Jahre 1999, die im Rahmen des Health Behavior in School-aged-Children Study (HBSC) im Auftrag der WHO durchgeführt wurde (vgl. Zusammenfassung im Netzwerk-Rundbrief Nr. 8, Juni 1999). Trotzdem - auch die aktivste Schule wird von der starken Zunahme des Tabak- und Alkoholkonsums nicht verschont. Gesundheitsförderung ist aber dann glaubwürdig, wenn es ihr gelingt, die aktuellen Fragen und Herausforderungen zum Thema zu machen und sich ihnen gemeinsam zu stellen.

Gesundheitsförderung in der Schule ist doch lächerlich. Da sollen die SchülerInnen sich gesund ernähren, in der Pause ihre Rüebli essen und im Hinterhof schlagen sie sich die Birne ein. Diese richtige Beobachtung belegt eindrucksvoll, dass es nicht damit getan ist, einzelne Themen, wie z.B. Ernährung isoliert von anderen Lebensbereichen zu behandeln und diese Aufgabe einem einzelnen Fach zuzuordnen. Gesunde Lebensweisen entstehen nicht als Ergebnis einzelner Präventionskonzepte oder isolierter Aufklärungsprogramme. Gesundheitsförderung ist mehr als die Summe einzelner Themen oder Projekte. Gerade im Bereich der Gewaltproblematik belegt eine noch unveröffentlichte Studie von Harald Klingemann, Professor an der Hochschule für Sozialarbeit HSA Bern, dass Einzelinterventionen oder klassenverbandsorientierte Programme in bezug auf ihre Wirkung schlecht abschneiden. Die besten Erfolge haben Interventionspakete, die gleichzeitig Schulklasse, Schulorganisation und das heimische Umfeld miteinbeziehen.  

All das Zeugs machen wir doch schon längst. Was soll dieses Modewort "Gesundheitsfördernde Schule" - das ist doch nur alter Wein in neuen Schläuchen. Ein erster Blick mag dies bestätigen. Es gibt keine Schule, in der nicht gesundheitsrelevante Themen im Unterricht zur Sprache kommen oder die nicht auch Gesundheits-Projekte durchführt. Es findet also bereits Gesundheitsförderung in der Schule statt - aber damit ist die Schule noch keine "Gesundheitsfördernde Schule", wie sie bereits 1996 von L. Rowling in Health Education Research 14 definiert wurde: " A health promoting school is one which has an organized set of policies, procedures, activities and structures designed to protect and promote the health and well-being of students, staff and wider school community members." Eine Gesundheitsfördernde Schule entwickelt ein auf ihre Bedürfnisse und Anliegen zugeschnittenes Schulprofil und Schulprogramm (vgl. dazu Leitfaden des Netzwerkes: Wir werden eine Gesundheitsfördernde Schule, 2001). Sie bezieht die Betroffenen als Beteiligte mit in den gemeinsamen Lernprozess ein und geht der Frage nach, wie der gesamte Arbeitsplatz und Lernraum Schule gesundheitsorientiert gestaltet werden kann, statt in einer "Projektitis" von Aktion zu Aktion zu springen. Gesundheitsförderung setzt darauf, nicht mehr nur Gesundheit lehren zu wollen, sondern hilft, Lösungen zu entwickeln, wie Umgangsformen und Rahmenbedingungen gestaltet werden können, damit möglichst alle in der Schule gesund arbeiten und lernen können.

Gesundheitsförderung in der Schule ist doch wirklichkeitsfremd. Statt sich in der Schule wohl zu fühlen müssen Kinder lernen, etwas zu leisten und sich durchzusetzen. Richtig, die Schule ist keine Insel unter einer Käseglocke, die zur Wohlfühlschule mutieren soll. Die Gesundheitsfördernde Schule steht nicht im Widerspruch zur Bildungsqualität, sondern in einem wechselseitigen Bezug. Georg Israel schreibt dazu: "Qualitätsvolle schulische Arbeit ist nämlich nur dann möglich, wenn Schule als sinnhaft, bewältigbar und verstehbar erlebt wird." Wenn Kinder erfahren und lernen, unter welchen Umständen und Bedingungen sie gut lernen und leistungsfähig arbeiten können, dann kann ein Gefühl dafür gestärkt werden, dass sie ihr Leben handhaben, verstehen und sinnerfüllt gestalten können. Eine Kompetenz, die der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky als den "Sinn für Kohärenz" beschrieben hat - eine der wesentlichen Dimensionen der Gesundheit.
   

Wir haben ja an unserer Schule einen / eine Gesundheits- oder Suchtbeauftragte(n). Der / die macht das schon, oder sollen wir da nun auch noch dreinreden? Es gibt viele Schulen, die haben seit einigen Jahren eine dafür beauftragte Lehrperson. Leider werden deren Aufgaben meist missverstanden: "Sie soll alle anfallenden Sucht- und Gesundheitsprobleme stellvertretend für das Team lösen!" Diese Delegation funktioniert nicht, sie führt höchstens zur Überforderung der betroffenen Person und die Probleme können nicht gelöst werden. Diese betreffen alle und können nur gemeinsam angegangen werden. Die Aufgabe der beauftragten Person - oder besser noch einer Gruppe - kann es nur sein, die gemeinsam zu behandelnden Themen auf die Agenda der Schule zu setzen. Sie sind nicht troubleshooter, sondern Sachwalter der Gesundheitsförderung. Auch wenn innerhalb der Schule alle für die Gesundheitsförderung verantwortlich sind, so muss die Steuerung des Prozesses für die Entwicklung eines gesundheitsförderlichen Schulprofils klar an eine Person oder eine Gruppe delegiert sein, die koordiniert.   

Auf der Orientierungsstufe ist es eh zu spät für Gesundheitsförderung. Das gehört in den Kindergarten und in die Primarstufe. Generell gilt: Je früher wir mit Gesundheitsförderung beginnen, desto größer ist die Chance, dass Kinder Erfahrungen sammeln und ein Wissen erlernen, die ihnen helfen, ein gesundes Leben zu führen. Antonovsky vertritt die These, dass der "Sinn für Kohärenz" mit etwa 30 Jahren weitgehend ausgeprägt sei. Dies belegt eindrücklich, dass wichtige Werthaltungen und Handlungsmuster in der Kindheit und Jugend gelernt werden, die dann das weitere Leben (unbewusst!) prägen. Folgerichtig arbeitet die Gesundheitsfördernde Schule mit den Prinzipien der Partizipation und des Empowerments. Mit der Beteiligung der Betroffenen und durch die Anregung zur Eigeninitiative und Verantwortung hilft sie die Selbstbestimmung über Gesundheit zu stärken. Die Gesundheitsfördernde Schule richtet sich deshalb nach den aktuellen Bedürfnissen aller an der Schule; der SchülerInnen, der Lehrpersonen und weiterer Beteiligten - und diese Ausrichtung ist unabhängig von der Schulstufe und dem Schultyp.   

Wir haben auf der Primarstufe keine gesundheitlichen Probleme, Gesundheitsförderung gehört deshalb auf die Oberstufe. In der frühen Kindheit werden wichtige Lebensmuster gelernt, die erst später wirksam werden. Deshalb muss die Gesundheitsförderung die für die aktuelle Entwicklungsphase bedeutsamen Themen und Fragen in den Mittelpunkt stellen bzw. dieselben Themen in unterschiedlichen Stufen mit anderen Schwerpunkten bearbeiten. So bedeutet z.B. Sexualität für ein 5jähriges Mädchen im Kleinkindergarten eine große Faszination, für 9 Jährige eine genderbedingte Abgrenzung, für 15 Jährige eine neugierige aber zugleich auch verunsichernde Suche nach der ersten Liebe und für eine 50jährige Lehrerin eine neue Phase in der Auseinandersetzung mit der Frage von Frausein in der Menopause. Dieses Beispiel macht deutlich, dass Schulen ein Spiral-Curriculum brauchen, das dieselben Themen in immer neuen Formen und ganz unterschiedlichen Qualitäten auf die unterschiedlichen Entwicklungsstufen und Lebensfragen bezieht. Damit muss Gesundheitsförderung auf jeder Stufe und als kontinuierliche Aufgabe wahrgenommen werden, die es den SchülerInnen, den Lehrpersonen und weiteren Schulbeteiligten ermöglicht, gemeinsam einen gesundheitsfördernden Arbeitsplatz und Lebensraum zu schaffen.

Zur Bedeutung schulischer Gesundheitsförderung : Ulrich Barkholz, Georg Israel, Peter Paulus, Norbert Posse: Gesundheitsförderung in der Schule. Ein Handbuch für Lehrerinnen und Lehrer. Landesinstitut für Schule und Weiterbildung, Soest 1997.

Gesundheitsförderung, eine Aufgabe der Schule : S. Seeger & B. Zumstein. Aus: Argumentarium. Netzwerk Gesundheitsfördernder Schulen