Das Qualitätstableau der guten und gesunden Schule

Das nachfolgende Qualitätstableau beschreibt insgesamt vierzig Bereiche einer guten Schule, in denen einerseits gesundheitsbezogene Ansätze wirksam werden und die andererseits selbst einen Einfluss auf die Entwicklung psychosozialer Schutzfaktoren und damit auf die Leistungsbereitschaft und -fähigkeit haben.
Das Qualitätstableau (Q-Tableau) umfasst acht Dimensionen, die insgesamt beschreiben, was Schulqualität im Sinne des ganzheitlichen Ansatzes einer integrierten Qualitäts - und Gesundheitsförderung ist.

Abbildung 2 : Q - Tableau der guten und gesunden Schule: acht Qualitätsdimensionen und vierzig Qualitätsbereiche

Die erste Dimension, «Schule als Lebens - und Erfahrungsraum», fokussiert den Ort, wo die Lehrpersonen und die Schülerinnen und Schüler einen großen Teil ihrer Zeit verbringen. Hier werden die Bedingungen und Ressourcen skizziert, die ein produktives Lernen und Arbeiten fördern und unterstützen.
In der zweiten Dimension steht das im Zentrum, was gemeinhin als «Kerngeschäft» der Schule bezeichnet wird, der «Unterricht» und seine Gestaltungselemente: Lehr - und Lernarrangements, Beurteilungsformen, Klassenführung, individuelle Förderung und Lernbegleitung.

In der dritten Dimension führen wir als eigenständige Kategorie die «Bildungs - und Lernprozesse» der Schülerinnen und Schüler auf. Wenn Unterricht die Kernaufgabe der Lehrpersonen ist, so kann Lernen als die Kernaufgabe der Schülerinnen und Schüler bezeichnet werden. Für den Lernerfolg entscheidend ist die von den einzelnen Lernenden erfahrene Qualität des eigenen Lernprozesses.

Die vierte Dimension beschreibt «Schulkultur und Schulklima», also die Art und Weise, wie Arbeit verteilt wird, wie miteinander umgegangen wird und welche Chancen die Beteiligten haben, an Arbeits - und Lerngemeinschaften als eigenständige Individuen mitzuwirken.

In der fünften Dimension, «Schulführung», werden wichtige Qualitätsbereiche skizziert, welche die durch Studien belegte hohe Bedeutung einer guten Schulleitung für Gesundheit und Qualität untermauern.

Die sechste Dimension, «Professionalität und Personalentwicklung», führt die Prozesse und Strukturen auf, welche die Fähigkeit und Bereitschaft der Lehrpersonen zum berufsbezogenen lebenslangen Lernen stärken und erhalten können. Wer Schulqualität fordert, muss die Professionalität und Gesundheit der Lehrpersonen fördern. Denn guter Unterricht «lebt» von guten und motivierten Lehrpersonen.

Die siebte Dimension umfasst das «Qualitätsmanagement» einer Schule. Hier werden die wichtigsten Elemente einer systematischen Qualitätsförderung beschrieben: gemeinsam vereinbarte Qualitätsansprüche, der Aufbau einer Feedbackkultur, Schulentwicklung, interne Evaluation und Steuerung der Qualitätsprozesse.

Die achte Dimension bezieht sich auf die «Wirkungen und Ergebnisse der Schule». Der Erfolg einer Schule bemisst sich wesentlich an ihren pädagogischen Wirkungen : an den Lernergebnissen der Schülerinnen und Schüler und an ihrem Bildungserfolg, an den erworbenen Fachkompetenzen und Schlüsselqualifikationen, an der Persönlichkeitsbildung, der Schulzufriedenheit und an ihrem Wohlbefinden.

Getreu unserem Qualitätsmodell einer integrierten Qualitäts- und Gesundheitsförderung führen wir «Gesundheitsförderung» nicht als eigene Dimension auf, sondern siedeln sie als Querschnittsaufgabe in allen acht Qualitätsdimensionen an. Gesundheitsbewusstes Handeln ist für eine so belastungsintensive Organisation wie die Schule unverzichtbar. Das gilt in einem mehr oder weniger unmittelbaren Sinn für jeden einzelnen der vierzig Qualitätsbereiche. Um ihren Beitrag für eine nachhaltig gute und wirksame Schule jedoch besonders zu unterstreichen, haben wir zusätzlich - gleichsam als Basis jeder Qualitätsdimension - einen eigenen Qualitätsbereich aufgeführt, der im engeren Sinn mit Gesundheitsförderung verknüpft ist.

Im Handbuch Instrumente für die Qualitätsentwicklung und Evaluation in Schulen (Brägger/Posse 2007 ), in dem die Realisierungsmöglichkeiten dieser Grundideen aufgezeigt werden, wird jeder der vierzig Qualitätsbereiche mit Schlüsselindikatoren und Umsetzungsbeispielen beschrieben. Ziel dieser «Qualitätsbeschreibungen von der Praxis für die Praxis» ist es, den Schulen einfach handhabbare Werkzeuge in die Hand zu geben, die sie dabei unterstützen, eine eigenständige, pädagogisch wirkungsvolle und gesundheitsbewusste Schulentwicklung nachhaltig zu betreiben.

Eine Schule kann das Q-Tableau in jeder Phase eines Qualitätszyklus nutzen:

    Eine Schule kann eine umfassende Bestandsaufnahme zu den Qualitätsbereichen einer guten, gesunden Schule / Gesundheitsfördernden Schule vornehmen9. Oder sie kann ein paar wenige Qualitätsbereiche auswählen und hier eine vertiefende Fokusevaluation durchführen.
    Auf der Grundlage dieser Standortbestimmung kann sie Schwerpunkte setzen und sich auf einen bis drei Qualitätsbereiche konzentrieren, in denen sie Verbesserungen erzielen will.
    Sie wird mithilfe der beschriebenen Schlüsselindikatoren eigene Qualitätsziele festlegen.
    In der darauf folgenden Handlungsplanung kann sich die Schule an Umsetzungsideen, Links und Literaturtipps orientieren, die Beispiele guter Praxis beschreiben.
    Bei der Durchführung wird sie sich auf weniges und Wesentliches konzentrieren und im Bedarfsfall externe Unterstützung ( Weiterbildung, Beratung u.a.) hinzuziehen.
    Und schließlich kann sie die zur Verfügung gestellten Indikatoren nutzen, um die Umsetzung der selbst gesteckten Ziele zu überprüfen und die Wirkungen der Qualitätsentwicklung zu evaluieren.

Nicht die Addition einzelner Qualitätsmerkmale führt zu einer besseren Schule ( und auch nicht das Abhaken von Merkmalslisten ), sondern ihr kumulatives Zusammenwirken («Schulethos»). Auch in guten Schulen ist das Ganze mehr als die Summe seiner Teile. Bei der Vielfalt von Qualitätsansprüchen und Verbesserungsrezepten, die heute an die Schulen herangetragen werden, haben Schulleitende und Lehrpersonen zunehmend Mühe, auch nur einigermaßen den Überblick zu behalten. Vielen fällt es schwer, die richtigen Ansatzpunkte für die Entwicklung der eigenen Schule zu finden: Wo sollen wir beginnen? Und wie sollen wir beginnen? Mit diesen und ähnlichen Fragen tun sich viele Schulen schwer. Und einige Schulen machen es sich vielleicht mit solchen Fragen auch zu leicht : Sie umgehen Kräfte raubende Diskussionen, indem sie einen ungeordneten Haufen von Vorstellungen aus den verschiedenen Gruppierungen des Kollegiums zum Schulprogramm erheben, ohne echte Prioritäten zu setzen. Die Folge: Das Schulprogramm ist reichhaltig, aber viele Schwerpunkte stehen unverbunden nebeneinander, ohne inneren Zusammenhang, ohne Möglichkeiten zur Synergie. Damit verbunden ist häufig ein ungesunder, letztlich wenig wirksamer Aktionismus - viele sind aktiv und setzen sich mit ihrem Engagement und ihrem guten Willen gegenseitig unter Druck.

Wer die Kräfte der eigenen Schule nicht verzetteln will, beschäftigt sich als Schulleiterin oder Schulleiter oder als Mitglied einer schulinternen Steuergruppe mit Vorteil mit jenen Ansatzpunkten, welche die größte Hebelwirkung für die Verbesserung von Schule und Unterricht versprechen. «Gibt es Kernpunkte, die zum Ausdruck bringen, was in einer guten und belasteten Schule wirklich los ist?» - so leitet der Bildungsforscher Helmut Fend ein Buchkapitel 10 ein, in dem er Ergebnisse der Schulqualitätsforschung mit dem Ziel analysiert, «die strategisch wichtigen Punkte» zu identifizieren.

Wer Schulentwicklung Ressourcen schonend voranbringen will, der braucht praxiserprobte und wissenschaftlich abgestützte Wirkungsmodelle, die Schulen als Systeme verstehbar machen und die nicht vorgeben, dass Schulen mit ein paar rezepthaften Regeln und Techniken verbessert werden könnten. Gefragt sind Hinweise, die ein Denken und Handeln in Wirkungszusammenhängen unterstützen. Hinweise auf Antriebskräfte, die es - richtig genutzt - Schulen erleichtern, länger auf «einer Welle des gemeinsamen Erfolgs zu reiten».

Die Antriebskräfte für gute und gesunde Schulen «spielen zusammen» - ohne Zweifel. Das folgende Wirkungsmodell zeigt, wie die verschiedenen, aus den oben skizzierten Erkenntnissen gewonnenen Qualitätsdimensionen auf eine Weise zusammengebracht werden können, die den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler ins Zentrum stellt und eine Rückbesinnung auf den Unterricht als «Kerngeschäft» der Schule erlaubt.

 

Abbildung 4 : Wirkmodell der Qualitätsdimensionen

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9 Beispiele für Befragungsinstrumente, die aus dem Qualitätstableau entwickelt werden können, fi nden sich im Praxisteil ( Teil C ) dieses Bandes (Der Fragebogen nur auf CD-ROM) sowie auf der Internetplattform ‹www.iqesonline.net›.

10 H. Fend, Qualität im Bildungswesen. Schulforschung zu Systembedingungen, Schulprofi len und Lehrerleistung ( Weinheim 22002 ), S. 119.

11 Die «Instrumente für die Qualitätsentwicklung und Evaluation von Schulen» (IQESElemente) bauen auf Erfahrungen und Konzepten aus Kanton und Stadt Zürich, den Kantonen Basel - Stadt und Luzern und besonders auf dem schweizerischen Qualitätsmanagementmodell Q2E (Qualität durch Entwicklung und Evaluation) auf und beziehen auch Erfahrungen aus Deutschland, Schottland, der Niederlande und Schweden mit ein.