Beratung und die «beratende» Grundhaltung als Merkmal der Veränderungsgestaltung

Die angesprochene notwendige «Renovierung» der Schule in Richtung auf eine leistungsfähige, individuell fördernde Schule über ein Mehr an Gesundheit und Sicherheit ist ohne Beratung und Begleitung kaum realisierbar. Beratung weist Veränderung nicht an, sondern liefert unter Bezug auf die Lebens - und Arbeitswelt der Beteiligten Entscheidungs- und Handlungshilfen, die den oben genannten Antwortmerkmalen entsprechen. Solche Beratung ist von «außen» einfacher zu realisieren als von «innen», da externe Beraterinnen und Berater nicht unmittelbar von den Veränderungsprozessen selbst betroffen sind und somit auch keine «persönlichen» Interessen an einer bestimmten Entwicklung und ihren Ergebnissen haben müssen.

Beratung verstehen wir im Sinne ihrer ursprünglichen Bedeutung als Unterstützungssystem in Orientierungs- und Entscheidungsprozessen. «Gute» Beratung schafft die Basis für «gute» Entscheidungen - und führt somit dazu, die Probleme, die sich für die Rat suchende Schule oft als unlösbar darstellen, zu bearbeitbaren Aufgaben zu machen. «Gute» Beratung stärkt in der Fähigkeit, sich selbst zu helfen, sie «ermächtigt» (empowerment). «Gute» Beratung ist pädagogisch, sie ist vorbildlich für die Analyse und Bearbeitung von Problemsituationen, sie orientiert sich an der Zukunft der Schule und ist somit lösungsorientiert. «Gute» Beratung ermöglicht es den Mitgliedern eines Systems, eine «gesunde» Beziehung zu sich selbst und zu den eigenen Problemen aufzunehmen und ist damit «problemvorbeugend». «Gute» Beratung stärkt, wie jede pädagogische Maßnahme, die diese Merkmale erfüllt («guter» Unterricht, Erziehung zur Selbstständigkeit, eigenverantwortliches Arbeiten...), die Person und Persönlichkeit des Einzelnen - und gehört daher an sich zur Gesundheitsförderung.

Berater und Beraterinnen lassen sich auf idealtypische Weise folgendermaßen charakterisieren: Sie besitzen eine ausgeprägte Offenheit für die Probleme anderer Menschen und für die Schwierigkeiten in Strukturen von Systemen; aufgrund ihres differenzierten, wissenschaftlich gesicherten Wissens und ihrer reichhaltigen Berufs - und Lebenserfahrung können sie komplexe Probleme strukturieren und differenzieren, ihre Hintergründe aufdecken und Ideen für die Problembewältigung entwickeln. Sie kooperieren durch Anpassung im Tempo und in der Passung der Schritte (durch Mitgehen), unterbrechen hinderliche Muster, verhalten sich selbst «lösungsneutral» (also favorisieren nicht ihre eigene Lieblingslösung) dadurch, dass sie die Aufmerksamkeit auf die Lösungsressourcen des Rat suchenden Systems fokussieren und Suchprozesse in Richtung neuer Lösungen anregen.

In der Realität ist der ideale Berater/die ideale Beraterin eine Fiktion, denn nicht jeder ist für jedes Problem seines Beratungsgebietes gleichermaßen kompetent und hat genügend Abstand, um neutral zu bleiben. Oft fehlt auch entsprechendes Expertenwissen, oder die verfügbaren Theorien und Methoden reichen nicht aus, um ein Problem effektiv zu bewältigen. In solchen Fällen kann es leicht vorkommen, dass Beratende fehlendes Wissen mit naivem Alltagswissen oder Vermutungen auffüllt, um die «Erklärungslöcher» zu überdecken. Und oft bestimmen auch die institutionellen Gegebenheiten, zum Beispiel präzise Zeitvorgaben oder normative Vorgaben, wie weit sich Beratende auf ein Problem einlassen können oder dürfen.