Argumente für eine integrierte Gesundheits- und Qualitätsförderung in Schulen

Es gibt eine Reihe guter Argumente und wissenschaftlich gesättigter Erfahrungen, die dafür sprechen, die Ergebnisse der Effektivitätsforschung von Schule mit denen der Gesundheitsforschung zu verknüpfen und umzusetzen, wie es oben beschrieben wird. Da auch der Blick über den schulischen «Tellerrand » hinaus in die Wirksamkeitsforschung von Betrieben ebenso wie die aktuell sehr beliebten Ergebnisse der neurobiologischen Hirnforschung Hinweise auf Gestaltungsbedingungen geben, die eine deutliche Berücksichtigung gesundheitsförderlicher Aspekte nahe legen, sind in diesem Band die wichtigsten Hintergründe und Ergebnisse zusammengetragen, die die Argumente für eine integrierte Gesundheits- und Qualitätsförderung von Schulen liefern. Die folgenden beiden Kapitel13 liefern sozusagen die wissenschaftlichen Folien, auf denen sich die Argumente für eine konsequente Nutzung empirischer Ergebnisse darstellen lassen. Zum einen werden hier die Ergebnisse der schulischen, zum anderen die der betrieblichen Gesundheitsforschung vorgestellt.

Der Beitrag der beiden Bielefelder Gesundheitswissenschaftler Klaus Hurrelmann und Wolfgang Settertobulte beschäftigt sich mit den «Gesundheitlichen Ressourcen und Risikofaktoren von Kindern und Jugendlichen».

Die Autoren fassen ihre Ergebnisse selbst so zusammen:
«Die Befunde der hier dargestellten Studien lassen den Schluss zu, dass die physische und mentale Gesundheit der Schüler ein messbares Kriterium der Schulqualität darstellt. Ebenso sind Unterrichtsqualität und soziales Schulklima, in Zusammenhang mit der Schulfreude, Qualitätsmerkmale die auf gesundheitsfördernde Prozesse in der Schule hindeuten. Das soziale Klima zeigt sich als wichtiges, konsistentes Merkmal der Schulqualität. Maßnahmen der schulischen Gesundheitsförderung verbessern das soziale Klima einer Schule, davon profitieren die Schüler gesundheitlich und in ihrer Leistung. Ähnlich, wenn auch schwächer, zeigt sich der Zusammenhang zwischen dem Gesundheitsverhalten der Schüler und den genannten Schulmerkmalen. Die Förderung des Gesundheitsverhaltens bietet in der Gesundheitsförderung ein ideales Lernfeld für Partizipation, Mitbestimmung und Kommunikation. Dies kann das Schulklima verbessern, die Schulfreude der Schüler steigern, die Leistungsbereitschaft fördern.

Auch die Gesundheit der Lehrer ist mit dem Schulklima allgemein verbunden. Jedoch wird die Lehrergesundheit, stärker noch als bei den Schülern, von einem komplexen Gefüge aus Wahrnehmungen und Bewertungen ( Stress ) des Arbeitsplatzes Schule und dem professionellen Selbstbild geprägt. Dabei ist zwischen der Unterrichtssituation und der Interaktion mit den Schülern und der kollegialen Situation (Kommunikation und Unterstützung) zu unterscheiden. Verbessert sich durch die Gesundheitsförderung bei den Schülern das Klassenklima, die Kooperativität und die Leistungsbereitschaft, so reduzieren sich graduell die beruflichen Belastungen der Lehrer. Die komplexen Bedingungsfaktoren des Lehrerberufs machen jedoch explizit auf die Arbeitsbedingungen und das Wohlbefinden gerichtete Maßnahmen notwendig. Kriterien für einen gesundheitsfördernden Lehrerarbeitsplatz sind der Führungsstil der Schulleitung, die Kommunikation und Kooperation im Kollegium, die Organisation der Abläufe, die Reduktion von Noxen ( Lärm ), Möglichkeiten zur kollegialen oder außerschulischen Reflexion des professionellen Selbstbildes sowie Fähigkeiten und Gelegenheiten zur Stressbewältigung.

Bei Verwendung eines geeigneten Instruments kann eine Veränderung des Gesundheitszustandes und des Gesundheitsverhaltens der Schüler über die Zeit sichtbar gemacht werden. Dies gilt auch für die Wahrnehmung der Schulkultur und für die kollektive Leistungsbereitschaft als Indiz für eine erfolgreiche Implementation von gesundheitsfördernden Maßnahmen in der Schule. Zu diesem Zweck wird hier ein Instrument empfohlen, das aus der internationalen HBSC - Studie entwickelt wurde und die wesentlichen Faktoren der gesundheitlichen Schulqualität messen kann. Dieses Instrument kann sowohl zur Ermittlung der Ausgangssituation als auch zur Evaluation eingesetzt werden.»

Bernhard Badura, Leiter der Arbeitsgruppe Sozialepidemiologie und Gesundheitssystemgestaltung an der Bielefelder Universität, stellt in seiner Expertise die Erfahrungen aus Unternehmen vor, von denen Schulen auf dem Weg zur gesunden Schule lernen können. Seinen Befunden nach «kann festgestellt werden, dass salutogene Merkmale sozialer Systeme nach vorliegenden Erkenntnissen in viererlei Form auftreten:

  • als Möglichkeit zur Entwicklung vertrauensvoller Bindungen an einzelne Menschen, Gruppen, Organisationen
  • als positiv bzw. hilfreich empfundene Rückmeldungen aus dem sozialen Umfeld in Form von Zuwendung, Information, Anerkennung und praktischer Unterstützung
  • als gemeinsame Überzeugungen, Werte, Regeln, die Berechenbarkeit als Voraussetzung für ihre Beeinflussbarkeit sozialer Systeme und die zwischenmenschliche Kooperation erleichtern
  • als mitarbeiterorientierte Führung, die sich um eine dementsprechende Gestaltung von Arbeit und Organisation bemüht sowie um klare Ziele und Transparenz.

Die Bedeutung salutogener Merkmale sozialer Systeme zeigt sich über das bisher Gesagte hinaus mit Blick auf ihre Wirkung auf die Leistungsfähigkeit komplexer Organisationen. Soziale Beziehungen, gemeinsame Überzeugungen, Werte und Regeln sowie die Qualität der Führung bilden das Sozialkapital von Schulen, Krankenhäusern und Unternehmen, das maßgeblich mit über ihren Erfolg bestimmt.»

Badura fasst seine Erkenntnisse in zwölf Empfehlungen zusammen, die Schulen für den Aufbau eines erfolgreichen Gesundheitsmanagements berücksichtigen sollten.

Auch die weiteren Autoren dieses Bandes stehen als Experten auf ihrem jeweiligen Forschungsgebiet für einzelne gesundheitsrelevante Gestaltungsfacetten der Schulwirklichkeit. In der Summe der hier vorliegenden Befunde kommen auf diese Weise viele Begründungen zusammen, die dafür sprechen, dass sich die Qualität des Bildungs - und Erziehungsauftrages von Schule durch eine konsequente Berücksichtigung aktueller Erkenntnisse aus der Salutogenese - Forschung und den «biologischen» Lern - und Vermittlungstheorien bedeutsam steigern lässt.

In den folgenden Kapiteln werden einzelne der oben beschriebenen acht Qualitätsdimensionen ( vgl. das Qualitätstableau, Abbildung 2, S. 33 ) in ihrer theoretischen Begründung weiter entfaltet. Analog zu den Qualitätsdimensionen sind das die Schule als Lebensraum ( Wilfried Buddensiek ), die Unterrichtsgestaltung (Edwin Stiller), Bildung und Lernen ( Michael Gasse/Peter Dobbelstein ), Schulkultur und Schulklima (Hans - Günter Rolff /Katharina Rolff), Schulführung und ressourcenorientierte Personalentwicklung (Gerold Brägger/Beat Bucher) und die Personalentwicklung im Sinne der Lehrergesundheit (Bernhard Sieland). Die «Hintergrundsfolie», das Qualitätsmanagement der Schule, haben wir in den «Instrumenten» (Brägger / Posse 2007) ausführlich beschrieben.

Wilfried Buddensiek analysiert in seinen Forschungsarbeiten an der Universität Paderborn den Zusammenhang zwischen der Gestaltung von Lernräumen und der Qualität der Bildungsprozesse. In seinem Beitrag Lernräume als gesundheits - und kommunikationsfördernde Lebensräume gestalten - Auf dem Weg zu einer neuen Lernkultur formuliert Buddensiek Qualitätsstandards für gesundheits- und kommunikationsfördernde Lernräume. Hierzu entfaltet er ausführlich die Bedeutung eines hinlänglichen Bewegungsraums als Grundvoraussetzung für ein gesundheitsförderndes Lernen. Weitere Qualitätsaspekte sind eine flexible Möblierung und die Raumakustik, die jeweils bedeutsam für eine pädagogisch funktionale Lernraumgestaltung gelten. Diese Lösungsansätze leitet er aus Begründungen ab, in denen die Kommunikations- und Teamfähigkeit mit ihren salutogenen Eigenschaften als Schlüsselqualifikationen im Mittelpunkt stehen. Der vierte wesentliche Aspekt für ein gesundheitsförderliches Lernen aus der Perspektive der Lernraumgestaltung, ein flexibles Präsentationssystem, wird von Buddensiek im Praxisteil C (S. 507 in diesem Band) in einem Werkstattbericht ausführlich erläutert.

Die Argumente von Edwin Stiller in seinem Beitrag Unterrichtsentwicklung neu denken ! begründen die Qualitätsdimensionen, in denen das Lernen im Mittelpunkt steht. Hier formuliert er die Leitideen einer gesundheitsförderlichen Unterrichtsentwicklung, die er den traditionellen Konzepten der Unterrichtsentwicklung gegenüberstellt. Im Zentrum seines Beitrages stehen die folgenden Forderungen an eine gesundheitsförderliche Unterrichtsentwicklung und Gestaltung von Lernarrangements, bei der die Vernetzung von Organisations- und Teamentwicklung notwendige Gelingensbedingungen für Qualitätsverbesserung sind:

  • Gesundheitsförderung geht von Personen aus - dem professionellen Selbst von Lehrerinnen und Lehrern, Schülerinnen und Schülern;
  • Unterrichtsentwicklung muss von einem vollständigen Kompetenz - und Qualitätsbegriff ausgehen;
  • Unterrichtsentwicklung muss didaktisch ausgerichtet sein;
  • Unterrichtsentwicklung muss über einen systematischen Methodenbegriff verfügen;
  • Unterrichtsentwicklung muss lernpsychologisch fundiert sein;
  • Unterrichtsentwicklung muss neurobiologische Erkenntnisse nutzen.

Stiller hat auf der Basis dieser Überlegungen Denk - und Werkzeuge für eine salutogenetische Unterrichtsentwicklung konzipiert, die er am Beispiel eines zweitägigen Workshops vorstellt. Diesen Beitrag und die zugehörigen Übungen finden Sie im Praxisteil zu dieser Publikation auf CD-ROM.

In Ergänzung zu Stillers Beitrag beschäftigten sich Michael Gasse und Peter Dobbelstein in ihrem Beitrag, mit dem sie das Lernen in Bewegung bringen wollen, mit der Bedeutung der neuen Erkenntnisse über Strukturen, Prozesse und Funktionsweise des zentralen Nervensystems, die die Hirnforschung mit Beginn der 1990er - Jahre durch die Entwicklung neuer Untersuchungsverfahren gewonnen hat, für die Gestaltung von Lernen in der Schule. Sie stellen dabei die Antworten auf drei Fragen in den Vordergrund: «Welche Konsequenzen ergeben sich aus dem Wissen um Lernen als Veränderung neuronaler Strukturen ?», «Welche Konsequenzen ergeben sich aus dem Wissen um die Individualität von Informationsaufnahme und -verarbeitung ?» und drittens «Welche Konsequenzen ergeben sich aus dem Wissen um lernbegünstigende Faktoren?» Der Dimension «Bildungs - und Lernprozesse» entsprechend werden von den Autoren nicht nur plausible Argumente für eine veränderte Unterrichtspraxis präsentiert, sondern die hier zusammengetragenen Erkenntnisse beziehen sich auf die Gestaltung der Schule insgesamt, wenn sie die Rolle der Emotionen, die Bedeutung der Zeit und den Einfluss der Motorik für das Verarbeiten, Speichern und Erinnern thematisieren und zeigen, wie diese für das Lernen und Schule - Halten nutzbar gemacht werden müssen.

Stellvertretend für die Qualitätsdimension «Schulkultur und Schulklima» liefert der Beitrag Gesundheitsförderung und Lernqualität von Hans-Günter und Katharina Rolff die empirisch abgesicherten Argumente für eine entwickelte Schulkultur. Im Mittelpunkt stehen die «Treiber für Lernqualität», zielführendes Handeln der Schule als Ausgangspunkt des Qualitätsmanagements, eine lernbezogene Feedbackkultur in reziproker Form und - als nach Einschätzung der Autoren besonders wichtiger Treiber - die Teamentwicklung, insbesondere in Form professioneller Lerngemeinschaften. Rolff und Rolff belegen anhand vielfältiger empirischer Befunde, «dass Gesundheitsförderung ein wirksames Instrument für erfolgreiche Arbeit der Organisation Schule ist. Sie fördert nicht nur das psychische und physische Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler und macht sie somit bereit für das weitere Leben, sondern sie hat nach begründeten Vermutungen auch einen Einfluss auf die kognitiven und sozialen Fähig - und Fertigkeiten der Schülerinnen und Schüler. Schulische Gesundheitsförderung leistet einen umfassenden Beitrag zum Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schule.» Die Qualitätsdimensionen der «Schulführung» und die Qualitätsdimension der «Professionalität und Personalentwicklung» werden durch den Beitrag von Gerold Brägger und Beat Bucher über die Ressourcenorientierte Personalentwicklung argumentativ untermauert. Die Autoren zeigen, wie Schulleitungen - im Sinne einer «Leadership for Learning» - ihr Führungshandeln systematisch auf das Lernen von Schülerinnen und Schülern und Lehrpersonen, von Teams und der Schule als lernender Organisation ausrichten können. Brägger und Bucher plädieren für eine konsequente Strategie der Personalentwicklung, die sich auf die Förderung von Kernkompetenzen von Lehrerpersonen konzentriert, die für eine selbstwirksame (und deshalb auch gesundheitserhaltende) Berufspraxis bedeutsam sind. «Eine zeitgemäße, an Wirkungen interessierte Personalentwicklung orientiert sich nicht an der Defizitperspektive, wie sie in vielen Schulen noch allzu verbreitet ist, sondern sie fragt nach den Ressourcen und Schutzfaktoren für eine gute und gesundheitserhaltende Berufspraxis. Sie geht davon aus, dass in der Schule auf institutioneller. Ebene wie auch in der Teamarbeit und bei den einzelnen Menschen Ressourcen und Potenziale vorhanden sind, die es erst einmal zu erkennen gilt. Im Wissen darum, dass die produktivste Ressource für Schulen kompetente und gesunde Lehrpersonen sind, prüft sie in Standortbestimmungen, welche Stärken und Potenziale besonders gefördert werden sollen. Auf dieser Grundlage erarbeitet und aktualisiert sie ein Konzept für die Personalentwicklung, das im Zusammenhang mit den Zielen der schulischen Qualitäts - und Gesundheitsförderung steht.»

Einen weiteren argumentativen Hintergrund für die Qualitätsdimension der «Professionalität und Personalentwicklung» schafft der Beitrag Nachhaltige Gesundheitsförderung als Entwicklungsarbeit von Lehrerinnen und Lehrern von Bernhard Sieland und seinen Mitarbeiterinnen14 über die Lehrergesundheit. Sieland geht der Frage nach, wie «der Prozess der Gesundheitsförderung im Leben einer Lehrkraft, eines Kollegiums initiiert, aufrechterhalten und nachhaltig gegen Rückfälle abgesichert werden» kann. Der Beitrag richtet sich in seiner Argumentation an drei Zielgruppen: zum einen an die einzelnen Lehrer und Lehrerinnen bzw. Lehrergruppen, die ihre eigenen Gesundheitsvorstellungen klären und ihre Gesundheit fördern sollen, zum anderen an die professionellen und semiprofessionellen «Gesundheitsförderer», die ihre Praxis auf dem Hintergrund der Argumente reflektieren und optimieren sollen, sowie im Weiteren an ganze Schulsysteme, die sich mithilfe der Informationen an der Analyse und Förderung ihrer eigenen Gesundheitsindikatoren beteiligen sollen. Zu diesem Beitrag gehört ein Praxisteil mit Diagnosen und Übungen, den Sie in extenso auf der dem Buch beiliegenden CD-ROM finden. Diese Übungen können Lehrerinnen und Lehrer alleine, mit Kolleginnen und Kollegen oder auch mit Schulklassen durchführen.

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13 Beide Beiträge wurden als Expertisen für das Land NRW 2004 geschrieben.

14 Der Beitrag entstand unter der Mitarbeit von Silvia Pfeiffer und Sandra Weber.