Ernährungsbildung – integriert, ganzheitlich und nachhaltig

Sylvia Löhrmann, Präsidentin der Kultusministerkonferenz und Ministerin für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen.

Vortrag auf der Fachtagung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e.V. zum Thema  „Ernährungsbildung – in die Zukunft gedacht“ am 25. September 2014

Das Thema „Ernährung“ ist aktueller denn je. Ob in Blogs oder auf Facebook, ob auf Twitter oder bei YouTube, ob in Kochshows oder Kochbüchern, Zeitschriften oder Zeitungen – überall wird gekocht, gegart, garniert, serviert, verkostet und vor dem Essen noch fotografiert.

Im Bruchteil einer Sekunde listet allein Google Deutschland über 26 Millionen Einträge zum Stichwort „Ernährung“ auf. Im Vordergrund stehen dabei „gesunde Ernährung“, „bewusste Ernährung“, „Ernährungsmedizin, Ernährungsberatung“ und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung.

Das war nicht immer so. Noch vor 150 Jahren stand auch hier in Europa der existentielle Aspekt der Ernährung im Vordergrund. Und das, was wir heute als so idyllisch empfinden – das frühere bäuerliche Leben mit dem Hahn auf dem Mist und eng verbunden mit der Natur – war harte Arbeit. Man war abhängig von den Launen der Natur und jeder Wetterumschwung konnte die Ernte und damit die Existenz kosten.

In vielen Ländern ist dies noch heute so, und manches, was durch den Klimawandel entstehen dürfte, lässt in manchen Ländern große Sorgen entstehen.

Woran liegt es also, dass Ernährung in einer modernen saturierten Gesellschaft einen so hohen Stellenwert hat?

Eine gängige Antwort lautet an dem engen Zusammenhang zwischen Ernährung und Gesundheit. Und es ist natürlich richtig: Um gesund zu sein und zu bleiben, müssen wir gesund essen. Was heißt aber „gesund essen“? Reicht es aus, im Schulkiosk die Kindermilchschnitte gegen ein Dinkelbrötchen auszutauschen?

Ich denke nicht. Sich gut und gesund zu ernähren ist mehr als Bio-Obst essen und Schokoriegel durch Äpfel tauschen. Das wusste bereits Thomas von Aquin vor Jahrhunderten, ich zitiere:

„Gesundheit ist weniger ein Zustand als eine Haltung, und sie gedeiht mit der Freude am Leben.“

Thomas von Aquin hat Recht. Dieser Satz umschreibt gut, was gutes und gesundes Essen ausmacht: Keinen Zustand.

Eine gesunde Haltung und Freude am Leben können unsere Kinder und Jugendlichen aber nur dann entwickeln, wenn wir Ernährung integriert, ganzheitlich und nachhaltig in den Blick nehmen.

Ernährungsbildung – integriert, ganzheitlich und nachhaltig –, im Folgenden möchte ich auf diese drei Aspekte kurz eingehen.

die Arbeit der Vernetzungsstellen ist eine Erfolgsgeschichte. Und sie trägt entscheidend dazu bei, dass unsere Kinder- und Jugendlichen erfahren, wie Essen das eigene Wohlergehen positiv beeinflusst.

Indem Essensanbieter, Schulen und Schulträger in gemeinsamer Verantwortung handeln, können sie ein attraktives, kindgerechtes und dazu noch gesundes und nachhaltiges Angebot bereitstellen.

Was man sagt, ist zwar auch wichtig, aber wir werden vor allem von den Kindern und Jugendlichen daran gemessen, was wir selbst tun. Wenn wir selbst – als Eltern oder Lehrende oder Erzieherinnen und Erzieher – keinen Kohlrabi essen, können wir noch so gelehrt darüber reden, wie gesund und lecker er ist, – unsere Kinder werden es nicht glauben. Der Genuss muss glaubwürdig und authentisch sein. Und vor allem auch: entspannt. Dazu trägt ein gemeinsames Essen in Kita und Schule, aber auch zuhause entscheidend bei.

Hier lernen unsere Kinder und Jugendlichen den eigenen Ernährungsstil zu entwickeln. Und sie können geistige und körperliche Leistungsfähigkeit und Wohlempfinden mit ihrem Essverhaltens in Beziehung bringen und darüber reflektieren – wenn Ernährung fächerübergreifend zum Thema gemacht wird.

Denn auch das meint integrierte und ganzheitliche Ernährungsbildung: Sie muss fächerübergreifend erfolgen. Dafür bieten sich Biologie, Sport und Gesellschaftslehre, aber auch Praktische Philosophie und Erdkunde – Stichwort Globalisierung – an.

Und noch einen Punkt möchte ich nennen:

Erfahrungen können unsere Kinder und Jugendlichen nur dann machen, wenn wir sie und sie sich aktiv beteiligen. Mensen und Cafeterien bieten gerade hierfür besondere Chancen.

Wir müssen dafür sorgen, dass an allen Schulen mit Ganztagsangebot eine Mensa, eine Cafeteria und ein attraktives, gesundes und bezahlbares Getränke-, Snack- und Mittagsangebot zur Verfügung steht.

Und wir müssen in allen Bildungseinrichtungen – seien es Kitas oder Schulen – von der Lebenswelt der Kinder ausgehen und dafür Sorge tragen, dass wir Eltern und Kinder mitnehmen.

Wer die Lebenswelten der Kinder kennen lernen will, sollte dabei erstens bei den den Kindern bekannten Ernährungsgewohnheiten anfangen. Genuss kann nicht verordnet, sondern muss erfahren werden. Es ist wichtig, dass wir Neues behutsam einführen und gleichzeitig alte Muster thematisieren. Mögliche Konflikte sollten wir dabei mit allen Beteiligten offen und sensibel ansprechen.

Zweitens müssen wir, wenn wir ganzheitlich arbeiten,  unsere Kinder mit ihren individuellen Bedürfnissen in den Blick nehmen. Wenn wir sie fragen, was ihnen gut tut, haben sie oft klare Vorstellungen von dem, was sie gerne essen, vor allem aber von dem, was sie überhaupt nicht mögen. Die Erfahrung lehrt zwar, dass sich die Palette der Vorlieben von Kindern mit wachsendem Alter erweitert, doch tut sie dies nur, wenn Kinder auch entsprechende Angebote vorfinden.

Hierzu gibt es eine Menge guter Projektideen:


Man kann Kinder an der Erstellung der Menüpläne, an Einkauf und Auswahl und auch gelegentlich an der Zubereitung beteiligen. Hilfreich sind auch reale Erfahrungen wie der Besuch von Bauernhöfen oder von Betrieben der Lebensmittelherstellung.

Denn dass Fisch nicht rechteckig ist oder Pommes frites aus Kartoffeln gemacht werden, die in der Erde wachsen, ist manchen Kindern vielleicht gar nicht mehr klar.

Für die Studie "Iss was, Deutschland?" hat das Forsa-Institut im Auftrag der Techniker Krankenkasse im vergangenen Jahr 1.000 Erwachsene zu ihrem Essverhalten befragt.

Vielleicht ist nicht alles repräsentativ, aber es zeigen sich interessante Ergebnisse und Tendenzen:

    Nur 23 Prozent der 18- bis 25-Jährigen ist es wichtig, dass sie sich gesund ernähren.
    Je geringer der Bildungsstand und das Einkommen, desto fleischlastiger ist die Ernährung.
    Bei jeder zweiten Bundesbürgerin und jedem zweiten Bundesbürger wird Essen zur Nebensache.
    Bei etwa einem Drittel der Befragten läuft beim Essen der Fernseher oder Computer. Vor allem jüngere Menschen essen oft mit der Gabel in der einen und dem Smartphone in der anderen Hand.
    In vielen Familien wird nur noch selten selbst gekocht und wahrscheinlich noch seltener gemeinsam gegessen.
    Für viele Menschen mit geringem Einkommen ist eine gesunde Ernährung auch eine Geldfrage. Ein auf den ersten Blick paradoxes Ergebnis: Denn zugleich geben Menschen mit geringem Einkommen an, häufig in Fast-Food-Läden zu gehen, obwohl die Produkte dort deutlich teurer sind.

Sich gesund zu ernähren ist also eine Frage von Ernährungsbewusstsein und Ernährungsverhalten.

Beides wird schon in jungen Jahren geprägt. Einmal erworbene Ernährungsmuster werden häufig ein Leben lang beibehalten und können nur behutsam über positive neue Erfahrungen erweitert werden.

Ganz entscheidende Begriffe sind hierfür Genuss und Wohlbefinden. Sie prägen Erfahrungen positiv und müssen daher im Zentrum einer integrierten und ganzheitlichen Ernährungsbildung stehen.

Wenn wir über Ernährung diskutieren, scheint es fast so, als gebe es das Wort Ernährung nur noch in Kombination mit „gesund“. „Gesunde-Ernährung“. In einem Wort, sozusagen.

Viele Kinder und Jugendliche, aber auch viele Erwachsene haben sofort das Bild des „erhobenen Zeigefingers“ im Kopf. Schon die Wörter „gesund“ und „Ernährung“ lösen bei Kindern und Jugendlichen – aber auch bei jungen Erwachsenen – Widerstände aus. Denken Sie an die gerade erwähnte Studie:

„Nur 23 Prozent der 18- bis 25-Jährigen ist es wichtig, dass sie sich gesund ernähren!“ Das ist eigentlich ein Armutszeugnis.

„Gesund“ assoziieren sie nur negativ. Mit Bevormundung und Zwang. Gesunde Ernährung – das hört sich an wie „du musst“. Nach richtig und falsch. Nach wenig Spaß, wenig Genuss, viel Verzicht.

Doch das muss nicht so sein! Und genau das müssen unsere Kinder und Jugendlichen neu erfahren. Und zwar im eigenen Tun.

Essen und Trinken sind Grundbedürfnisse des Menschen. Und sie haben gleichzeitig eine eminent soziale Funktion. Menschen sind soziale Wesen. Einsamkeit macht traurig und krank.

Gemeinsam essen, trinken, kommunizieren, entspannen, genießen und satt werden fördern dagegen das Wohlbefinden.

Unsere Kinder und Jugendlichen, aber auch wir Erwachsenen brauchen genau diese Erfahrungen.

Die Erfahrungen, dass essen Spaß macht und gut tut.

Die Erfahrung, die Jil Sander einmal so auf den Punkt brachte: „Wenn man auf seinen Körper achtet, geht’s auch dem Kopf besser.“

Solche Erfahrungen zu fördern ist Auftrag von Eltern, Schule und Zivilgesellschaft. Und genau das meint „integrierte und ganzheitliche Ernährungsbildung“.

Da geht es nicht um den erhobenen Zeigefinger. Im Gegenteil: Sie geht vom Kind aus und richtet sich auf den ganzen Menschen. Auf sein Umfeld in Familie, Schule und Gesellschaft.

Ihr geht es darum, dass unsere Kinder selbst erfahren, selbst spüren, wie sich Ernährung konkret auf das eigene Wohlbefinden auswirkt.

Der Lebensraum „Schule“ ist dabei von zentraler Bedeutung für die Ernährungs- und Verbraucherbildung.

Hier geht es um Kopf und Körper. Hier verbringen die jungen Menschen über 15.000 Stunden ihres Lebens.

Dieser Verantwortung stellen sich der Bund und die Länder seit Jahren, indem sie unter dem Dach der Initiative von IN FORM die Vernetzungsstellen Kita- und Schulverpflegung fördern.

Mein Dank gilt hier besonders der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, die ihre Expertise für die Standards der Kita- und Schulverpflegung zur Verfügung stellt. Auf dieser Grundlage arbeiten nun alle 16 Bundesländer.

Kultusministerkonferenz und Verbraucherministerkonferenz haben noch einmal einmütig bekräftigt, wie wichtig die Verantwortung des Bundes von IN FORM ist. Auch im Hinblick auf eine dauerhafte Sicherung der Arbeit der Vernetzungsstellen.

Studien belegen, dass ein deutlicher Zusammenhang zwischen Lebensbedingungen, Gesundheit und Bildungserfolg besteht. Der Zusammenhang ist einleuchtend, ernähre ich mich gesund und treibe dazu noch Sport, bin ich insgesamt leistungsfähiger, kann mich besser konzentrieren, bin weniger müde und aufnahmebereiter. Aber Studien führen nicht zu einem veränderten Ernährungsverhalten. Wenn die Entscheidung Kopf oder Emotion heißt, gewinnt in den meisten Fällen die Emotion.

Daher muss Ernährungsbildung integriert und ganzheitlich sein. Nur so können wir Freude und Genuss am Essen fördern. Nur so erfahren unsere Kinder was „gesunde Ernährung“ für sie persönlich bedeutet und wie entscheidend sie zum persönlichen Wohlergehen beiträgt. Und nur so ist Ernährungsbildung auch nachhaltig.

Der Umgang mit der eigenen Gesundheit und der Gesundheit anderer gehört zu den Alltagskompetenzen, die Menschen in der Schule erlernen. Sie erwerben Kenntnisse und Fähigkeiten, um die äußeren Einflüsse auf ihre Gesundheit aktiv zu gestalten.

Die Kultusministerkonferenz hat  im November 2012 eine Empfehlung zu Gesundheitsförderung und Prävention in der Schule verabschiedet. Darin spielt die Ernährungsbildung einschließlich der Schulverpflegung eine wichtige Rolle.

Nachhaltigkeit meint aber noch mehr. Und auch das ist Teil der Ernährungsbildung.

Wenn Sie kurz an den Anfang meiner Ausführungen zurückdenken: Dass wir uns überhaupt über „gesunde Ernährung“ Gedanken machen können, setzt voraus, dass gesunde Lebensmittel in ausreichender Menge verfügbar sind. Genau das ist aber für viele Menschen nicht der Fall. Die Rechte auf Nahrung und auf sauberes Wasser gehören zu den immer wieder verletzten Menschenrechten.

Wenn unsere Kinder im wahrsten Sinne des Wortes begreifen, wie wichtig Nahrungsmittel für ihr eigenes persönliches Wohlergehen und Wohlbefinden sind, wie sehr sie Gesundheit, Leistung, Lebensqualität und Lebensfreude beeinflussen, dann lernen sie, Lebensmittel wert zu schätzen.

Sie verstehen, dass und warum Lebensmittel eine elementare Lebensgrundlage für jeden Menschen darstellen. Und sie erkennen, wie Ernährungsgewohnheiten und Kaufverhalten die Ressourcen auf der Einen Welt beeinflussen.

Entscheiden sie sich für fair gehandelte Produkte sichern sie auch den Erzeugerinnen und Erzeugern eine Existenz. Kaufen sie regionale Produkte, tragen sie zum Klimaschutz und regionalen Wohlstand bei. Wählen sie biologisch erzeugte Produkte, schonen sie unsere natürlichen Ressourcen. Diskutieren sie darüber, warum das nicht so einfach ist, verstehen sie, wie Preise, Akzeptanz und Nachfrage miteinander zusammenhängen. Ein wichtiger Aspekt von nachhaltiger Verbraucherbildung.

Entscheidend dabei ist, dass die eigenen Erfahrungen als Grundlage dienen, über sich selbst hinauszuschauen.

So fördert integrierte und ganzheitliche Ernährungsbildung über die individuelle Ernährungskompetenz hinaus globales Denken und Handeln und ist Teil der „Bildung für nachhaltige Entwicklung“.

Dass dieser Ansatz keine Utopie ist, weiß ich durch viele gute Beispiele, und ich habe dazu exzellente Unterrichte besucht.

Im September 2013 hat die Kultusministerkonferenz einen Beschluss zur Verbraucherbildung an Schulen gefasst. Dabei steht die Entwicklung eines verantwortungsbewussten Verhaltens als Konsumentin und Konsument im Mittelpunkt.

Themen der Ernährungsbildung sind u.a. eine gesunde Lebensführung, die Nahrungsmittelkette vom Anbau bis zum Konsum, die Qualitäten von Lebensmitteln und ihre Kennzeichnung sowie die Wertschätzung von Lebensmitteln sowie das Vermeiden von Lebensmittelverschwendung.

Ich freue mich über den sehr wertvollen Beitrag, den die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hier bereits leistet und danke Ihnen herzlich für Ihre Anregungen und Empfehlungen auf dem Gebiet der Ernährungsbildung.

Danken möchte ich besonders auch Frau Professorin Rademacher und Frau Professorin Heindl und ihrem Team für die Ausrichtung dieser Veranstaltung.

Es liegt mir sehr am Herzen, dass wir integrierte, ganzheitliche und nachhaltige  Ernährungsbildung noch stärker in den Schulen verankern.