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Landesprogramm Bildung und Gesundheit

3.5 Unterrichtsentwicklung muss lernpsychologisch fundiert sein

Für komplementäre Lehr - Lern - Partnerschaften ist ein gemeinsames Verständnis der Prozesse grundlegend, die Lehren und Lernen beschreiben.

Lehrpersonen werden implizit durch eigene Lernerfahrungen oder vorgegebene Handlungsmuster in ihren Lehr - Lern - Planungen geleitet, oder sie setzen sich bewusst und aktiv mit Modellbildungen, die Lernprozesse beschreiben und steuern helfen sollen, auseinander und gestalten dementsprechend Lehr - Lern - Arrangements.

Aufseiten der Schülerinnen und Schüler hängt die Entscheidung, sich auf Lernangebote einzulassen, wesentlich von Interesse, Attraktivität und Sinn des Angebotes ab. Hat sich der Lernende einmal entschieden, das Angebot anzunehmen, wird er in der Auseinandersetzung mit Inhalten und Problemstellungen sein Lernen und schließlich die weitere Planung seiner Lernaktivitäten zunehmend eigenverantwortlich gestalten - über Lernaktivitäten, Zielentscheidungen im Lernprozess, angeleitetes und / oder zunehmend bewusstes Anwenden von Lernstrategien und Arbeitstechniken. Grundlage sind dabei reflektierte Lernerfahrungen, Charakteristika und Merkmale des Lernangebotes, die auf lerntheoretischen Überlegungen basieren oder auf sie zurückgehen.

Der professionelle Lehrer kann nach dieser Vorstellung auf lerntheoretische Überlegungen so wenig verzichten wie der professionelle Lerner.

Lerntheoretische Modelle sollen darüber Aufschluss geben, wie Lernen und Lernarrangements gestaltet sein sollten, um nachhaltige Lerneffekte zu sichern und Kinder anzuleiten und zu befähigen, dass sie ihr Lernen selbst in die Hand nehmen. Standen am Anfang lerntheoretischer Überlegungen vergleichsweise einfache Modelle, welche die Zusammenhänge von Lernimpulsen und Verhaltensänderungen (Konditionierung) ausleuchteten, so differenzierten sich mit der kognitiven Wende lerntheoretische Modelle wie z.B. die entwicklungspsychologischen Ansätze von Piaget oder Kohlberg, der Ansatz zu verständigem Lernen nach Dewey, das Modell - Lernen nach Bandura oder das kumulative Lernen nach Gagné heraus, Konzepte, die Strukturen, Prozesse und Modelle der Verhaltenssteuerung und des Lernens nachzeichneten.

In der Folge schärften sich die Vorstellungen zu den an Lernen und Verhaltenssteuerung beteiligten Prozessen und Strukturen aus, so dass Fragen der Motivation, der emotionalen Beteiligung, der soziokulturellen Hintergründe und der sozialen Umgebung in ihrer Bedeutung für Lernen differenzierter erfasst und beschrieben werden konnten.

Die kognitiv- konstruktivistische Lernpsychologie hat in den letzten Jahren den Lernbegriff neu gefasst und über Expertenbeiträge in die bildungspolitische Debatte eingebracht (vgl. Forum Bildung 2001b, S. 128f.):

  • Lernen wird als aktive, individuelle, aktive und selbst gesteuerte Leistung eines Lernsubjektes und als Bestandteil von ganzheitlicher Persönlichkeitsentwicklung gesehen, nicht mehr als bloße
    Verhaltens- , Dispositions- oder Strukturveränderung, die direkt von außen steuerbar ist.
  • Nicht mehr Lerngesetze oder Lehrstrategien stehen im Mittelpunkt des didaktischen Interesses, sondern die Konstruktion von dialogischen und problemorientiert ausgerichteten Lehr - Lern - Landschaften. Situierte, sinnstiftende Kontexte - problemzentrierte Lernumgebungen - sollten den Rahmen fachlichen Lernens bilden.
  • Variationsreiche Formen des Übens, der Leistungsförderung und Leistungsdarstellung sollten integraler Bestandteil sein, der Schülerinnen und Schülern auch die Möglichkeit zur Selbstkontrolle und Selbstbewertung eröffnet.
  • Kooperative Erarbeitung, gegenseitige Unterstützung und Bereicherung haben genauso wie individueller und kollektiver Wettbewerb wichtige Funktionen.
  • Statt überholter bipolarer Argumentationen (z.B. Wissenschafts - versus Handlungsorientierung) sucht man heute nach intelligenten Kopplungen bewährter Instrumente. Direkte Instruktion ist, wenn sie professionell und schülerzentriert gestaltet wird, genauso wichtig wie moderativ begleitete Projektarbeit. Systematisch - kategoriale, kumulative Lernprozesse und handlungs - bzw. problemzentrierte Lernprozesse müssen sich ergänzen.
  • Lernen muss viel stärker als bisher individualisiert werden. Dazu ist es notwendig, wie die Rau-Kommission von einem vollständigen Lernbegriff auszugehen, der biografisches Lernen und Lernen auf der Beziehungsebene einschließt und mit fachlichem sowie überfachlichem Lernen eng verzahnt ( vgl. Bildungskommission NRW 1995, S. 82ff., 107ff.).

Die empirische Unterrichtsforschung hat inzwischen ebenfalls Prinzipien erfolgreichen Unterrichtens herauskristallisiert. Andreas Helmke (2003) nennt hier:

  • Passung, Adaptivität,
  • Aufgabenorientierung und Zeitnutzung,
  • Klarheit und Strukturiertheit,
  • Förderung aktiven Lernens,
  • konstruktiver Umgang mit Fehlern,
  • Methodenvielfalt,
  • Orientierung an anspruchsvollen Zielen,
  • lernförderliches, motivierendes Klima.

Zu ähnlichen Zusammenstellungen kommen Hilbert Meyer (2004), Hans Haenisch (2002) und viele andere, sodass man von einem recht klaren Konsens sprechen kann, wie ein qualitativ hochwertiges Unterrichtsangebot aussehen kann. Helmke (2003) macht aber deutlich, dass es keinen «Königsweg »zur Qualität gibt, sondern die ausgewogene und angepasste Balance zwischen instruktiven und konstruktiven Wegen angemessen ist.